
01 Alma und der viel zu volle Koffer
⏱ ca. 15–18 Min. · 💛 Familie · Reisen · Spanien
„ALMAAA!“
Mama Bella stand in der Tür zu Almas Kinderzimmer und schaute auf den Fußboden.
Oder besser gesagt auf das, was davon noch zu sehen war.
Vor ihr türmte sich ein riesiger Berg aus Kleidern, Büchern, Buntstiften, Kuscheltieren, einer Taucherbrille, zwei Puppen, einem Basketball und – Bella musste tatsächlich zweimal hinsehen – einem Paar Gummistiefeln.
Mittendrin saß Alma.
Ihre langen blonden Haare fielen ihr über die Schultern und in der Hand hielt sie gerade eine einzelne Socke.
„Was machst du denn da?“, fragte Mama und versuchte, nicht zu lachen.
Alma sah mit ihren großen dunkelgrünen Augen zu ihr hoch.
„Ich packe.“
„Das sehe ich“, sagte Mama lächelnd.
Bella stieg vorsichtig über einen Stapel T-Shirts und setzte sich neben sie.
„Aber wir fahren nach Spanien. Nicht zum Nordpol.“
Alma hielt die Gummistiefel hoch.
„Vielleicht regnet es.“
„In Andalusien? Im Sommer?“, fragte Mama schmunzelnd.
Alma dachte kurz nach.
„Naja, vielleicht sehr plötzlich.“
Jetzt musste Bella doch lachen.
Morgen würde es endlich losgehen und Alma konnte es kaum erwarten.
Sie würden nach Andalusien fahren, wo ein Teil von Mamas Familie lebte.
Alma dachte an die Palmen, die weißen Häuser und die warme Luft am Abend. Sie mochte es, wenn draußen noch überall Menschen redeten und lachten, obwohl es eigentlich längst Schlafenszeit war.
Und manchmal durfte sogar Alma dort viel länger wach bleiben als zu Hause.
Aber bevor Spanien anfangen konnte, musste dieser Berg in Almas rosa Koffer passen.
Und das war offenbar schwieriger als gedacht.
„Weißt du was?“, sagte Bella. „Du suchst dir fünf Sachen aus, die dir besonders wichtig sind.“
Alma starrte auf den Berg.
„Nur fünf?“, fragte sie entsetzt.
„Ja, fünf“, antwortete Mama.
„Fünfzig?“, versuchte es Alma.
„Fünf – meine letzte Antwort“, erwiderte Mama.
Alma ließ die Schultern hängen und seufzte so tief, als hätte Mama ihr gerade die schwierigste Aufgabe der Welt gestellt.
Das konnte dauern.
Eine ganze Weile später kam Babo ins Kinderzimmer.
Er blieb in der Tür stehen.
Sein Blick wanderte über das Chaos.
Ein T-Shirt hing über dem Stuhl. Ein Kuscheltier lag unter dem Bett. Und mitten im Zimmer saßen Alma und Bella zwischen mehreren kleinen Stapeln.
Babo zog eine Augenbraue hoch.
„Was ist denn hier passiert?“
„Wir packen“, erklärte Alma.
Babo schaute sich noch einmal um.
„Wo ist der Koffer?“
Alma zeigte auf eine kleine Ecke unter einem Kleiderberg.
Tatsächlich, dort leuchtete ein winziges Stück Rosa hervor.
Babo zog den Koffer heraus und öffnete ihn.
Dann begann er zu packen.
Socken auf eine Seite, T-Shirts ordentlich daneben.
Dann den Badeanzug und kurze Hosen.
Alles lag gerade und sauber nebeneinander.
Alma beobachtete ihn eine Weile.
„Babo?“
„Hm?“, brummte er.
„Warum machst du das alles so gerade?“, fragte Alma.
„Damit alles ordentlich reinpasst“, erklärte Babo.
Alma runzelte die Stirn.
Das klang für sie nicht besonders überzeugend.
Sie nahm ihre Unterhosen, stopfte sie in eine freie Ecke und drückte einmal kräftig darauf.
„So passt auch alles rein.“
Babo betrachtete die zerknüllten Unterhosen.
Dann Alma.
„Interessante Technik“, sagte er trocken.
„Danke“, antwortete Alma stolz.
Hinter ihnen musste Bella grinsen.
Jetzt kamen Almas fünf wichtigen Sachen.
Als Erstes legte sie ihr Lieblingsbuch in den Koffer.
Dann ihre Buntstifte.
Dann ihren kleinen Plüsch-Murciélago*. *(Fledermaus auf Spanisch)
Dann die Schneeeule und schließlich ihre Taucherbrille.
Alma betrachtete den Koffer zufrieden.
Eigentlich war sie fertig.
Eigentlich.
Da fiel ihr Blick auf ihre Puppe.
Sofort bekam sie ein schlechtes Gewissen.
Die konnte sie doch unmöglich allein zu Hause lassen.
„Die muss auch mit.“
Babo schaute auf die Puppe und sagte: „Dann sind es aber sechs Lieblingssachen.“
„Nein.“
„Nein?“
„Puppen zählen nicht.“
Babo verschränkte die Arme: „Das wusste ich ja noch gar nicht.“
„Jetzt weißt du es“, kicherte Alma.
Babo nickte sehr ernst: „Wieder etwas gelernt.“
Bella drehte sich schnell weg, damit Alma nicht sah, wie sehr sie lachen musste.
Alma legte die Puppe in den Koffer.
So, jetzt war sie wirklich fertig.
Doch dann sah sie ihn – ihren Basketball.
Alma schnappte nach Luft.
„Mein Ball!“
Sie nahm ihn und legte ihn auf den Koffer.
„Der muss natürlich auch mit.“
„Alma …“, begann Babo.
„Aber vielleicht gibt es dort einen Basketballplatz!“
Das war ein ausgezeichnetes Argument.
Jedenfalls fand Alma das.
Babo offenbar nicht.
„Dann leihen wir uns dort einen Ball aus.“
Alma riss die Augen auf.
„Einen anderen Ball?“
„Ja“, meinte Babo.
„Aber der kennt mich doch gar nicht!“, erwiderte Alma.
Für einen Moment war es still.
Mama Bella fing als Erste an zu lachen.
Dann zuckten auch Babos Mundwinkel.
„Bälle müssen einen nicht kennen“, sagte er.
Alma drückte ihren Basketball an sich.
„Meiner schon.“
Jetzt war Alma wirklich ein bisschen sauer.
Sie setzte sich auf den Teppich, verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Augenbrauen zusammen.
Das fand sie unfair.
Warum durften Erwachsene eigentlich bestimmen, welche Dinge wichtig waren?
Für Babo waren fünf T-Shirts wichtig.
Für Alma war eben ihr Basketball wichtig.
„Ich brauche den“, murmelte sie.
Bella setzte sich neben ihre Tochter.
„Warum ist er dir so wichtig?“
Alma zuckte mit den Schultern.
„Weil ich damit spielen will.“
Mama wartete.
Alma drückte den Ball etwas fester an sich.
„Und weil er meiner ist.“
Bella nickte.
Babo sah erst Alma an, dann den Ball, dann den rosa Koffer.
„Okay“, sagte er schließlich.
Alma hob überrascht den Kopf.
„Wirklich?“
„Wenn du ihn selbst in den Koffer bekommst“, erklärte Babo.
Almas Gesicht hellte sich auf.
„Das schaffe ich!“
Sie sprang auf.
So schwer konnte das schließlich nicht sein.
Zuerst legte Alma den Basketball oben auf die Kleidung.
Der Koffer ging nicht zu.
Dann schob sie ihn ganz an die Seite.
Der Koffer ging immer noch nicht zu.
Alma drückte. Nichts.
Dann setzte sie sich kurzerhand auf den Deckel.
„Babo! Jetzt!“
„Bist du sicher?“
„Jaaa! Zumachen!“
Babo zog vorsichtig am Reißverschluss.
Mama drückte von der anderen Seite.
Alma wippte auf dem Koffer herum.
„Noch ein bisschen!“
„Alma, ich glaube …“
RUMMS!
Der Deckel sprang wieder auf.
Ein Paar Socken flog quer durchs Zimmer.
Die Taucherbrille landete auf dem Teppich.
Und eine von Almas Unterhosen segelte durch die Luft.
Direkt auf Babos Kopf.
Stille.
Alma starrte ihn an.
Bella presste die Lippen aufeinander.
Babo nahm ganz langsam die Unterhose von seinem Kopf.
„Sehr effiziente Packtechnik“, sagte er.
Das war zu viel.
Bella ließ sich lachend aufs Bett fallen.
Alma prustete los.
Und schließlich lachte sogar Babo so sehr, dass er die Unterhose einfach auf seine Schulter legte.
Als sie sich wieder beruhigt hatten, betrachtete Alma ihren Basketball.
„Vielleicht“, sagte sie langsam, „ist er doch ein bisschen groß.“
Babo nickte.
„Ein kleines bisschen.“
Alma nahm ihn aus dem Koffer.
„Aber wir spielen in Spanien Basketball.“
„Versprochen“, bestätigte Babo.
„Mit einem fremden Ball?“, fragte Alma.
Babo dachte kurz nach.
„Mit einem sehr freundlichen fremden Ball.“
Alma kicherte.
Damit konnte sie leben.
Gemeinsam packten sie den Koffer fertig.
Murciélago bekam einen Platz ganz oben.
Die Schneeeule direkt daneben.
Und ganz zum Schluss entdeckte Babo noch eine winzige freie Ecke.
Er hielt eine Unterhose hoch.
Dann sah er Alma an.
Alma grinste.
„Meine Technik.“
Babo seufzte.
Dann stopfte er die Unterhose hinein.
„Deine Technik.“
Am nächsten Morgen stand die Familie endlich an der Wohnungstür.
Mama hatte ihre Tasche über der Schulter.
Babo hielt die Koffer.
Und Alma trug ihren türkisfarbenen Eulenrucksack auf dem Rücken. Die kleinen Flügel an den Seiten wippten bei jeder Bewegung mit.
„Alle fertig?“, fragte Babo.
„Jaaaa!“, rief Alma und hüpfte aufgeregt auf der Stelle.
Viele Stunden später war die Familie endlich in Spanien.
Als Alma am Abend auf den Balkon trat, war die Luft noch immer warm.
Die Sonne war fast verschwunden und hatte den Himmel rosa und orange gefärbt.
Von der Straße drangen Stimmen nach oben. Irgendwo klapperten Teller. Jemand lachte laut. Aus einem geöffneten Fenster hörte Alma Musik.
Sie stellte sich ans Geländer und atmete tief ein.
Jetzt waren sie wirklich da.
„Kommst du?“, fragte Bella wenig später.
Alma kuschelte sich zu Mama ins Bett.
Bella strich ihr die langen blonden Haare aus dem Gesicht.
„Weißt du, was ich dich jetzt fragen muss?“
Alma lächelte.
Natürlich wusste sie es.
Mama fragte sie das fast jeden Abend.
„Was hat dir heute am besten gefallen?“
Alma dachte nach.
Der Flug? Die Palmen? Das Eis nach der Ankunft?
Eigentlich war alles schön gewesen.
Dann musste sie plötzlich wieder an das Kinderzimmer denken.
Und an etwas Weißes auf Babos Kopf.
Alma begann zu kichern.
„Die Unterhose auf Babos Kopf.“
Aus dem anderen Zimmer kam sofort:
„Ich kann euch hören!“
Alma und Bella kicherten noch mehr.
Kurz darauf kam Babo ins Zimmer.
„So, kleine Maus. Schlafenszeit.“
Alma setzte sich plötzlich kerzengerade hin.
„BABO!“
„Was?“
„Wir haben die Babababs vergessen!“
Natürlich, das Wichtigste.
Alma sprang aus dem Bett und lief mit Babo zur Balkontür.
Draußen flatterten noch zwei kleine Vögel von einem Dach zum nächsten.
Die Babababs, wie Alma die Vögel nannte.
Alma lehnte sich an Babo.
„Laku noć, Babababs“, sagte sie leise.
„Gute Nacht, schlaft gut und träumt was Schönes.“
Dann dachte Alma nach.
„Babo?“
„Hm?“
„Verstehen die spanischen Babababs überhaupt Bosnisch?“
Babo sah hinaus zu den Vögeln.
Er überlegte sehr ernst.
„Natürlich.“
Alma sah zu ihm hoch.
„Woher weißt du das?“
„Babababs verstehen alles.“
„Auch Spanisch?“
„Natürlich.“
Alma nickte. Das ergab Sinn.
Dann winkte sie den beiden Vögeln noch einmal zu.
„Buenas noches!“
Einer der Vögel hüpfte auf dem Dach ein kleines Stück zur Seite.
Alma riss die Augen auf.
„Babo! Er hat mich verstanden!“
Babo lächelte und nahm ihre Hand.
„Sag ich doch.“
Alma kuschelte sich wenig später zwischen Murciélago und ihre Schneeeule.
Morgen würde Spanien richtig anfangen.
Und Alma hatte jetzt schon mindestens hundert Fragen.
Vielleicht sogar hundertundeine.