
MILEA & TAVO
02 Der Kompass der verlorenen Legenden
Ein Fall der Weltdetektive der Legenden
Mexiko · Yucatán · ab ca. 6 Jahren · ca. 12–15 Minuten Vorlesezeit
Seit der Nacht in der alten Hacienda waren vier Tage vergangen.
Vier Tage, in denen in San Esperanza keine Schatten mehr über die Wände gekrochen waren, keine kaputte Glocke mitten in der Nacht geläutet hatte und niemand versucht hatte, Milea und Tavo aus einem Keller zu vertreiben.
Milea fand das erstaunlich erholsam.
Mateo offenbar nicht.
„Mir ist langweilig“, verkündete er und schwebte rückwärts über dem Rücksitz des Autos.
Tavo sah von seinem Buch auf. „Du bist ein Geist. Kannst du nicht irgendetwas Geistiges machen?“
Mateo dachte darüber nach. „Durch die Tür fliegen?“
„Zum Beispiel.“
„Während der Fahrt?“
Tavo klappte das Buch zu. „Vielleicht doch nicht.“
Milea grinste und wandte sich wieder dem Fenster zu.
Sie waren schon seit Stunden unterwegs. San Esperanza lag weit hinter ihnen, und die Landschaft hatte sich verändert. Die Straße führte durch das warme Grün Yucatáns. Ihre Eltern wollten mit ihnen Chichén Itzá besuchen und danach noch einige Tage weiterreisen.
Mateo war natürlich mitgekommen.
Zumindest hatte er das behauptet.
Milea beobachtete ihn schon eine Weile. Sein türkisfarbenes Leuchten war blasser als sonst, und jedes Mal, wenn er glaubte, niemand sehe hin, sank er ein Stück tiefer auf den Sitz.
„Geht es dir gut?“, fragte sie.
Mateo richtete sich sofort auf. „Ausgezeichnet.“
Tavo drehte sich zu ihm um.
Mateo hielt seinem Blick ungefähr drei Sekunden stand.
„Gut“, verbesserte er sich.
Milea zog eine Augenbraue hoch.
„Na schön. Nicht besonders.“
Er sah an sich hinunter. Seine Hände waren an den Rändern fast durchsichtig geworden.
„Seit wir San Esperanza verlassen haben, fühlt es sich an, als müsste ich mich sehr anstrengen, um … da zu bleiben.“
Milea setzte sich gerader hin. „Warum hast du nichts gesagt?“
Mateo zuckte mit den Schultern. „Weil ihr dann vielleicht umgedreht wärt.“
„Natürlich wären wir umgedreht.“
„Eben.“
Diesmal lachte niemand.
Tavo musterte ihn eine Weile. „Bist du an San Esperanza gebunden?“
Mateo sah zum Fenster hinaus.
„Ich weiß es nicht.“
Das war das Seltsame an Mateo. Über manche Dinge konnte er stundenlang reden. Darüber, wo man sich in der Hacienda am besten versteckte. Darüber, wie schwierig es war, einen Sombrero zu tragen, wenn man durch Wände flog.
Aber sobald eine Frage seine Vergangenheit berührte, wurde es still.
Milea legte die Hand neben ihn auf den Sitz. Sie konnte Mateo nicht wirklich berühren, aber manchmal schien ihm die Geste trotzdem zu gefallen.
„Wenn es schlimmer wird, sagst du es.“
Mateo nickte.
Nach einer kurzen Pause fügte Tavo hinzu: „Bevor du durchsichtig wirst.“
Mateo sah auf seine Hände. „Das wäre tatsächlich ein guter Zeitpunkt.“
◆
Chichén Itzá war größer, als Milea es sich vorgestellt hatte.
Sie liefen mit ihren Eltern zwischen den alten Bauwerken hindurch, während die Sonne über den hellen Steinen stand. Milea hörte dem Guide zu, blieb immer wieder stehen und versuchte sich vorzustellen, wie dieser Ort ausgesehen hatte, als hier noch Menschen lebten.
Mateo hielt sich dicht bei ihnen.
Für andere Menschen war er nicht zu sehen. Das war praktisch, solange er nicht plötzlich laut kommentierte, was jemand erzählte.
Heute war er ungewöhnlich ruhig.
Am Rand eines Weges blieb Milea stehen.
In einem flachen Stein lag eine Vertiefung.
Kein Bild und keine Schrift, jedenfalls nichts, was sie erkennen konnte. Nur ein Kreis mit acht kleinen Kerben am Rand.
„Tavo.“
Ihr Bruder kam zurück.
Milea zeigte darauf.
Tavo ging in die Hocke. „Hast du das schon irgendwo gesehen?“
„Nein. Aber es sieht aus, als würde etwas hineinpassen.“
Mateo schwebte näher.
In dem Moment, in dem sein Schatten über den Stein fiel, zuckte er zusammen.
„Was war das?“, fragte Milea.
„Nichts.“
„Mateo.“
Er rieb sich über den Arm. „Es hat gekribbelt.“
Tavo betrachtete erst den Stein und dann Mateo. „Vielleicht sollten wir das unseren Eltern zeigen.“
Das taten sie.
Der Guide sah sich die Vertiefung ebenfalls an, konnte ihr aber keine besondere Bedeutung zuordnen. Ähnliche geometrische Formen konnten ganz unterschiedliche Ursachen haben, erklärte er, und man solle in einer archäologischen Stätte ohnehin nichts anfassen oder hineinlegen.
Milea nickte. Das leuchtete ihr ein.
Sie fotografierte die Form stattdessen.
Erst am späten Nachmittag, als sie Chichén Itzá längst verlassen hatten und mit ihren Eltern an einem kleinen Ort außerhalb der archäologischen Anlage hielten, entdeckte Tavo etwas Merkwürdiges.
Unter einer niedrigen Mauer lag ein Gegenstand im Staub.
„Das sieht aus wie …“
Milea hatte es im selben Moment erkannt.
Ein kleiner runder Anhänger aus dunklem Stein.
An seinem Rand befanden sich acht Einkerbungen.
Sie holte das Foto auf dem Handy ihrer Mutter hervor.
Die Formen passten zusammen.
Nicht ungefähr.
Genau.
Mateo war inzwischen neben ihnen aufgetaucht. Sein Blick blieb an dem Anhänger hängen.
„Den kenne ich.“
Milea sah ihn sofort an. „Woher?“
Mateos Stirn legte sich in Falten.
„Ich weiß es nicht.“
Tavo hob den Anhänger nicht auf. Stattdessen ging er um ihn herum und betrachtete den Boden.
„Hier sind Spuren.“
Milea kniete sich neben ihn.
Im Staub verliefen kleine Abdrücke. Sie sahen fast wie Kinderfüße aus, waren aber schmaler und ungewöhnlich lang.
Die Spur führte von der Mauer weg.
Zum Wald.
Milea sah Tavo an.
Er seufzte. „Du hast wieder dieses Gesicht.“
◆
Sie warteten bis zum frühen Abend.
Ihre Eltern saßen auf der Terrasse ihrer Unterkunft, und Milea hatte versprochen, mit Tavo nur den kurzen Weg bis zum Waldrand zu gehen.
Das war nicht einmal gelogen.
Sie hatten nur nicht erwähnt, dass sie eventuell danach weitergehen würden.
Mateo schwebte zwischen ihnen. Sein Leuchten war inzwischen so schwach, dass Milea ihn im letzten Tageslicht manchmal beinahe aus den Augen verlor.
„Wir können zurück“, sagte sie zum dritten Mal.
„Nein.“
„Mateo.“
„Der Anhänger kennt mich.“
Tavo blickte zu ihm. „Ein Anhänger kann niemanden kennen.“
Mateo sah ihn an. „Du weißt genau, was ich meine.“
Das wusste Tavo tatsächlich.
Sie folgten den Spuren.
Nach wenigen Minuten veränderte sich der Wald. Die Geräusche der Straße verschwanden. Zwischen den Bäumen hing warme, schwere Luft, und irgendwo zirpten Insekten.
Dann bewegte sich etwas rechts von ihnen.
Milea blieb stehen.
Zwischen zwei Baumstämmen sah sie ein kleines Gesicht.
Große dunkle Augen.
Dann war es weg.
„Da war jemand.“
Tavo hatte es ebenfalls gesehen.
Etwas huschte hinter ihnen durch das Unterholz.
Mateo drehte sich so schnell um, dass sein Sombrero verrutschte.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Milea hielt den Anhänger in der offenen Hand. „Gehört der dir?“
Ein Rascheln.
Dann schoss etwas aus dem Gebüsch.
Es war kaum größer als Mateo. Milea sah einen kleinen Körper, dunkles Haar und wache Augen – dann riss ihr das Wesen den Anhänger aus der Hand.
„Hey!“
Es verschwand zwischen den Bäumen.
Tavo lief sofort hinterher.
„Tavo!“
Milea rannte los.
Das Wesen war schnell. Es sprang über Wurzeln, duckte sich unter Ästen hindurch und blieb immer gerade weit genug vor ihnen, dass sie es noch sehen konnten.
Doch nach einer Weile merkte Milea etwas.
„Es läuft gar nicht weg.“
Tavo verlangsamte seinen Schritt.
Vor ihnen war das Wesen stehen geblieben.
Es wartete.
Als es sah, dass die Kinder nicht mehr hinterherjagten, ging es einige Schritte weiter und blickte zurück.
„Es will, dass wir ihm folgen“, sagte Milea.
Mateo schwebte neben ihr. „Das macht es nicht weniger verdächtig.“
„Nein.“
Milea betrachtete das Wesen.
Es hielt den Anhänger fest in einer Hand.
Dann deutete es tiefer in den Wald.
Tavo sah zu Milea. „Wir müssen nicht mitgehen.“
Das überraschte sie.
Normalerweise war er derjenige, der wissen wollte, wohin eine Spur führte.
„Du willst zurück?“
Tavo sah zu Mateo. Sein Leuchten flackerte.
„Ich will nicht herausfinden, was da vorne ist, wenn Mateo vorher verschwindet.“
Milea schwieg.
Dann schwebte Mateo zwischen sie.
„Ich verschwinde nicht.“
„Das kannst du nicht wissen“, sagte Tavo. „Du weißt nicht einmal, warum du schwächer wirst.“
Für einen Moment sah Mateo fast beleidigt aus. Dann senkte er den Blick.
Milea betrachtete den kleinen Geist. Danach sah sie zu dem Wesen, das noch immer auf sie wartete. Es hätte längst mit dem Anhänger verschwinden können. Tat es aber nicht.
„Vielleicht führt es uns deshalb irgendwohin“, sagte sie.
Tavo folgte ihrem Blick.
Milea rief: „Kannst du Mateo helfen?“
Das Wesen legte den Kopf schief.
Dann sah es direkt zu Mateo.
Und nickte.
◆
Der Eingang der Höhle lag hinter dichtem Grün verborgen.
Ohne ihren kleinen Führer hätten Milea und Tavo ihn niemals gefunden.
Vor dem dunklen Spalt blieb Mateo stehen. „Natürlich eine Höhle.“
Milea sah ihn an.
„Was?“
„Nichts.“
„Du findest, ich beschwere mich.“
„Ein bisschen.“
Mateo zog seinen Sombrero fester. „Ich stelle lediglich fest, dass geheimnisvolle Dinge erstaunlich selten an sonnigen, gut ausgeschilderten Orten liegen.“
Das kleine Wesen wartete am Eingang.
Tavo trat nicht näher. „Wer bist du?“
Zum ersten Mal antwortete es.
Seine Stimme war leise.
„Alux.“
Milea kannte das Wort nicht.
Tavo offenbar auch nicht.
Der Alux deutete auf den Anhänger und danach in die Höhle.
„Schutz.“
Mehr sagte er nicht.
Milea sah zu Mateo. „Kennst du Aluxo'ob?“
Mateo schüttelte den Kopf. „Nein. Aber irgendetwas hier kenne ich.“
Er starrte in die Dunkelheit.
„Und ich glaube nicht, dass mir das gefällt.“
Sie gingen hinein.
Der Gang war zunächst so niedrig, dass Milea sich ducken musste. Später öffnete er sich zu einer größeren Höhle. Wasser tropfte von der Decke, und ihre Taschenlampen ließen die feuchten Wände glänzen.
Der Alux bewegte sich sicher vor ihnen.
An einer Stelle blieb Milea stehen.
In den Fels war wieder der Kreis mit den acht Kerben geritzt.
„Hier.“
Tavo kam zu ihr.
Unter dem Zeichen verlief eine dünne Linie weiter in die Höhle.
Milea leuchtete ihr nach.
„Das ist kein Wegweiser“, sagte sie.
Tavo betrachtete die Wand. „Warum nicht?“
„Weil die Linie nicht auf Augenhöhe weitergeht.“
Sie senkte die Taschenlampe.
Die eingeritzte Spur lief hinunter bis zum Boden.
Dort verschwand sie unter einem Stein.
Gemeinsam schoben sie ihn zur Seite.
Darunter lag eine schmale Rinne.
Und in dieser Rinne glitzerte etwas Goldenes.
Mateo wurde ganz still.
Der Alux nahm den Anhänger und legte ihn in Mileas Hand zurück.
Dann zeigte er auf die Rinne.
„Zurück.“
Tavo ging in die Hocke. „Der Anhänger gehört hierher.“
Milea betrachtete die acht Einkerbungen.
„Vielleicht.“
Sie setzte ihn nicht ein.
Noch nicht.
„Warum hast du ihn dann draußen liegen lassen?“, fragte sie den Alux.
Der kleine Wächter sah sie lange an.
„Nicht ich.“
Hinter ihnen knackte etwas.
◆
Die Gestalt, die aus der Dunkelheit trat, war groß und schmal.
Sie trug einen Mantel, obwohl es in der Höhle warm war. Ihr Gesicht lag im Schatten.
Der Alux wich sofort zurück.
Nicht ängstlich.
Warnend.
Er stellte sich vor Milea.
Die fremde Gestalt hob beide Hände.
„Ihr solltet nicht hier sein.“
Tavo trat neben seine Schwester. „Wer sind Sie?“
„Jemand, der versucht, euch vor einem Fehler zu bewahren.“
Milea spürte, wie sich Mateo dicht hinter sie bewegte.
Der Fremde sah den Alux an.
„Er hat euch gestohlen, was ihr gefunden habt. Und jetzt führt er euch tiefer hinein.“
„Er hat es zurückgegeben“, sagte Milea.
„Weil er euch braucht.“
Der Alux gab ein tiefes, wütendes Geräusch von sich.
Der Fremde wandte sich wieder den Kindern zu.
„Aluxo'ob bewachen Orte. Sie dulden keine Eindringlinge. Wenn ihr weitergeht, wird er euch nicht wieder hinauslassen.“
Tavo sah kurz zum Alux. „Und was bewachen Sie?“
Die Gestalt schwieg.
Nur einen Moment.
Aber Milea bemerkte es.
„Er hat nicht gefragt, wer Sie sind“, sagte sie. „Er hat gefragt, was Sie bewachen.“
Unter der Kapuze bewegte sich etwas.
Ein Lächeln vielleicht.
„Den Kompass.“
Mateo sog hörbar die Luft ein.
Milea drehte sich zu ihm. „Welchen Kompass?“
Doch Mateo sah den Fremden an, als hätte er gerade ein Wort gehört, das irgendwo tief in ihm eine Tür geöffnet hatte.
„Ich kenne das“, flüsterte er.
Der Fremde trat einen Schritt näher.
„Natürlich kennst du es.“
Tavo stellte sich sofort vor Mateo.
Nicht weil Mateo klein war.
Nicht weil er ein Geist war.
Sondern weil der Blick des Fremden ihm nicht gefiel.
„Woher kennen Sie Mateo?“
Die Gestalt antwortete nicht.
Stattdessen bewegte sich ihr Schatten über den Boden.
Gegen die Richtung des Lichts.
Milea sah es zuerst.
„Tavo.“
Er folgte ihrem Blick.
Der Schatten kroch an der Höhlenwand empor.
Der Alux fauchte.
Da fiel die Kapuze zurück.
Darunter war kein Gesicht.
Nur Dunkelheit.
◆
Der Schattenwächter griff an.
Der Alux war schneller.
Er sprang gegen die Wand, stieß sich ab und traf die schwarze Gestalt mitten in der Brust. Für einen Moment verlor sie ihre Form.
„Lauft!“, rief Tavo.
Sie rannten tiefer in die Höhle.
Der Alux blieb zurück.
Milea hörte hinter sich ein dumpfes Krachen, drehte sich aber nicht um.
Mateo flog neben ihnen.
Oder versuchte es.
Sein Leuchten flackerte immer stärker.
Dann sackte er plötzlich ab.
Milea fing ihn reflexartig auf.
Ihre Hände glitten beinahe durch ihn hindurch, doch für einen Moment spürte sie etwas Kaltes zwischen ihren Fingern.
„Mateo!“
Seine Augen öffneten sich. „Ich bin noch da.“
Tavo kniete sich neben ihn. „Kaum.“
Hinter ihnen wurde es dunkel.
Der Schattenwächter kam.
Milea zog Mateo näher an sich, obwohl sie wusste, dass sie ihn nicht richtig festhalten konnte.
„Weiter.“
Sie erreichten eine runde Kammer.
In ihrer Mitte stand ein niedriger Sockel.
Darauf lag ein Kompass.
Milea blieb stehen.
Er war größer als ein gewöhnlicher Taschenkompass. Das Gehäuse bestand aus fast schwarzem Glas oder Stein. Um den Rand verliefen feine goldene Zeichen, und in seiner Mitte lag unter dem Glas ein kleiner türkisfarbener Stein.
Die Nadel bewegte sich nicht.
Mateo hob den Kopf.
Sein Gesicht wurde noch blasser.
„Den kenne ich.“
Diesmal klang es nicht wie eine Vermutung.
Tavo sah ihn an. „Woher?“
Mateo presste die Augen zusammen. „Ich weiß es nicht.“
Der Schattenwächter erschien im Eingang.
„Nimm ihn“, sagte er zu Milea.
Sie sah zu ihm.
„Was?“
„Den Kompass. Dafür bist du gekommen.“
Milea blickte auf das schwarze Gehäuse.
Der Kompass lag direkt vor ihr.
Sie musste nur die Hand ausstrecken.
„Milea“, sagte Tavo leise.
Mateo wurde in ihren Armen immer durchsichtiger.
Der Schattenwächter kam näher.
„Nimm ihn, und ihr könnt gehen.“
Milea sah auf Mateo.
Dann auf den Kompass.
Etwas an dem Satz störte sie.
Nicht nur, dass er von diesem Wesen kam.
Etwas anderes.
„Woher wissen Sie, dass wir ihn nehmen können?“
Der Schattenwächter blieb stehen.
Tavo sah zu ihr.
Milea fuhr fort: „Sie haben eben noch gesagt, Sie bewachen ihn. Wenn Sie wirklich verhindern wollen, dass jemand den Kompass bekommt, warum sagen Sie mir dann, ich soll ihn nehmen?“
Die Dunkelheit im Gesicht der Gestalt bewegte sich.
Tavo verstand.
„Weil er selbst ihn nicht nehmen kann.“
Der Schattenwächter schoss vor.
Milea wich zurück.
Ihre Hand war nur wenige Zentimeter vom Kompass entfernt.
Sie hätte zugreifen können.
Stattdessen drehte sie sich weg.
Sie legte beide Arme um Mateo.
„Nein.“
Der Schattenwächter hielt inne.
Milea wusste nicht, ob Mateo sie überhaupt noch hören konnte.
„Wir sind nicht wegen des Kompasses hier.“
Hinter ihr erklang ein leises Klicken.
◆
Tavo fuhr herum.
Der Kompass leuchtete.
Nicht hell.
Nur eine feine goldene Linie war an seinem Rand erschienen.
Sie verlief zu einer kleinen Vertiefung an der Seite des Sockels.
Acht Kerben.
Tavo griff in Mileas Tasche.
Der Anhänger.
„Milea.“
Sie sah es ebenfalls.
Der Schattenwächter stürzte auf ihn zu.
Tavo hatte keine Zeit nachzudenken.
Er warf den Anhänger nicht in die Vertiefung.
Er warf ihn dem Alux zu.
Der kleine Wächter war im Eingang aufgetaucht.
Er fing den Stein.
Für einen Augenblick sahen sich Tavo und der Alux an.
Dann verstand der Alux.
Er sprang auf den Sockel und drückte den Anhänger in die Vertiefung.
Die Höhle erbebte.
Goldenes Licht schoss durch die Rinne im Boden, raste über die Wände und füllte den eingeritzten Kreis.
Der Schattenwächter schrie.
Seine Gestalt zog sich auseinander.
„Nein!“
Der Alux stand auf dem Sockel und wich keinen Schritt zurück.
Das Licht wurde stärker.
Der Schattenwächter versuchte, den Anhänger herauszureißen, doch seine Hände glitten daran vorbei.
Mateo öffnete die Augen.
Sein türkisfarbenes Leuchten flackerte.
Dann hob er eine Hand.
Milea sah ihn erschrocken an. „Was machst du?“
„Keine Ahnung.“
Das war nicht besonders beruhigend.
Doch diesmal war kein Scherz in seiner Stimme.
Türkisfarbenes Licht strömte aus seinen Fingern und verband sich mit dem goldenen Leuchten des Kompasses.
Mateo starrte darauf.
Als hätte sein Körper etwas getan, woran sein Kopf sich nicht mehr erinnern konnte.
Der Schattenwächter wurde zurückgerissen.
Seine Dunkelheit zerfiel an den Rändern.
Der Alux rief etwas, das Milea nicht verstand.
Dann schloss sich das goldene Licht um den Schatten.
Ein letzter schwarzer Riss zog sich durch die Kammer.
Und verschwand.
Die Höhle wurde still.
Mateo sank gegen Mileas Schulter.
Diesmal fing sie ihn nicht auf.
Er blieb von selbst dort.
Sein Leuchten wurde stärker.
Ganz langsam.
◆
Eine Weile hörten sie nur das Wasser von der Höhlendecke tropfen.
Der Alux zog den Anhänger aus der Vertiefung und hielt ihn zwischen beiden Händen. Tavo trat näher, blieb aber mit etwas Abstand vor ihm stehen. Er hatte verstanden, dass der kleine Wächter nicht hier war, um ihnen Antworten zu geben.
„Der Schatten wollte den Kompass“, sagte Tavo schließlich. „Du wolltest verhindern, dass er ihn bekommt.“
Der Alux nickte.
Milea sah zu dem dunklen Anhänger. Jetzt ergab auch die Spur im Wald einen anderen Sinn. „Und deshalb hast du ihn an dich genommen. Nicht, um uns zu bestehlen.“
Wieder nickte der Alux. Dann wanderte sein Blick zu Mateo.
„Er kam zurück.“
Mateo hob langsam den Kopf. In seinem Gesicht lag für einen Moment mehr Verunsicherung als Neugier. „Zurück“, wiederholte er, als würde er prüfen, ob das Wort irgendeine Erinnerung weckte.
Nichts geschah.
Der Alux trat zum Sockel und legte die Hand neben den Kompass. „Nehmt“, sagte er.
Milea blieb stehen. Nach allem, was sie gerade erlebt hatten, erschien es ihr plötzlich ziemlich verrückt, einen unbekannten magischen Gegenstand einfach einzupacken.
Tavo schien dasselbe zu denken. „Wir wissen nicht einmal, was er kann.“
Der Alux sah wieder zu Mateo. „Er ruft.“
Diesmal fragte Milea nicht sofort nach. Sie folgte seinem Blick und spürte, wie ihr eine Gänsehaut über die Arme lief.
„Uns?“, fragte sie schließlich.
Der Alux antwortete erst nach einer Pause. „Nicht nur euch.“
Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.
Milea und Tavo sahen einander an. Tavo war noch immer nicht überzeugt; das konnte sie ihm ansehen. Aber den Kompass hierzulassen fühlte sich nach dem Schattenwächter ebenso falsch an wie ihn mitzunehmen.
„Wenn wieder jemand kommt, der ihn haben will, ist der Alux allein“, sagte Milea leise.
Tavo blickte zum kleinen Wächter und dann zu Mateo, dessen Leuchten sich langsam stabilisierte. Schließlich atmete er aus. „Dann nehmen wir ihn mit. Aber wir tun nicht so, als hätten wir verstanden, warum.“
Damit konnte Milea leben.
Gemeinsam hoben sie den Kompass vom Sockel.
◆
Kaum lag er in ihren Händen, setzte sich die Nadel in Bewegung. Sie kreiste zweimal über das dunkle Zifferblatt, wurde langsamer und blieb schließlich stehen.
Nicht beim Ausgang.
Nicht beim Alux.
Sie zeigte auf Mateo.
Der kleine Geist starrte darauf. Sein eben erst zurückgekehrtes Leuchten schien für einen Moment wieder stillzustehen.
„Ich bin nicht verloren“, sagte er leise.
Tavo kniete sich neben den Kompass und beobachtete die Nadel. „Vielleicht sucht er auch gar nicht nur verlorene Menschen.“
Mateo antwortete nicht. Er zog den alten Sombrero ein wenig tiefer und sah so angestrengt auf den Kompass, als könnte er eine Erinnerung zwingen, endlich zurückzukommen.
Am Rand des schwarzen Gehäuses begann etwas golden zu glimmen.
Milea drehte den Kompass vorsichtig. Dort, wo vorher nur dunkles Material gewesen war, erschien ein kleines Zeichen: ein Kreis, durchzogen von einer feinen Linie.
Sie strich mit dem Daumen darüber. „Das war vorher nicht da.“
Tavo schüttelte den Kopf. Neben dem Zeichen verlief ein breiter dunkler Rand, auf dem noch viel Platz war.
Bevor einer von ihnen länger darüber nachdenken konnte, zitterte die Nadel erneut.
Der Alux wich einen Schritt zurück.
Über dem Höhlenboden erschien ein schmaler Riss aus Licht. Er wurde breiter, gerade genug, dass Milea dahinter Regen erkennen konnte. Dunkle Bäume schwankten im Wind, und weit entfernt zeichnete sich für einen Herzschlag die Ruine einer Burg ab.
Dann schloss sich der Riss.
Die Höhle war wieder da.
Tavo sah noch immer auf die Stelle. „Wenn das gerade ein Weg war, möchte ich wissen, wohin.“
Mateo schwebte langsam zwischen die Geschwister. Sein Licht war noch schwächer als früher in San Esperanza, aber es hielt sich. Er betrachtete den Kompass lange, bevor er sagte: „Ich glaube, San Esperanza war nicht unser einziger Fall.“
Diesmal klang es nicht, als freue er sich darüber.
◆
Später saßen Milea und Tavo wieder bei ihren Eltern. Der Kompass lag tief unten in Mileas dunkelgrüner Tasche, zwischen einer Wasserflasche und einem zerknitterten Pullover, als wäre er ein ganz gewöhnlicher Reisegegenstand.
Niemand fragte sofort, warum ihre Schuhe voller Erde waren.
Milea war sehr dankbar dafür.
Mateo saß auf der niedrigen Mauer neben ihnen und betrachtete immer wieder seine Hände. Sie waren noch da. Nicht mehr durchsichtig, nicht mehr flackernd.
Als Tavo mit Wasser zurückkam, stellte er zwei Gläser auf den Tisch und hielt ein drittes einen Moment lang unschlüssig in der Hand. Dann musste er selbst über sich lachen.
„Ich habe dir schon wieder eins mitgebracht.“
Mateo sah das Glas an. „Ich finde, wir sollten diese Tradition beibehalten.“
Tavo stellte es vor ihm ab. „Du kannst es nicht einmal anfassen.“
„Darum hält es besonders lange.“
Milea grinste, doch danach wurde es wieder ruhig. Es war keine unangenehme Stille. Nach der Höhle fühlte sich gewöhnlicher Abendwind plötzlich ziemlich gut an.
Erst viel später öffnete Milea noch einmal ihre Tasche.
Der Kompass lag still zwischen ihren Sachen. Das neue goldene Zeichen war dunkel geworden, und auch die Nadel rührte sich nicht.
Mateo schwebte hinter ihr vorbei, auf dem Weg zur Mauer.
Ganz leicht zuckte die Nadel.
Nur einen Millimeter.
Milea hielt inne.
Sie sah Mateo nach, der nichts bemerkt hatte, und dann wieder auf den Kompass.
Diesmal rief sie Tavo nicht.
Noch nicht.
Was ist echt – und was haben wir erfunden?
Chichén Itzá ist ein realer archäologischer Ort auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán und gehört seit 1988 zum UNESCO-Welterbe. Die erhaltenen Bauwerke und archäologischen Bereiche sind geschütztes kulturelles Erbe. Der geheimnisvolle Anhänger, die acht Kerben, die Höhle und der Kompass aus dieser Geschichte gehören deshalb ausdrücklich nicht zu Chichén Itzá und sind für Milea & Tavo erfunden.
Aluxo'ob - Einzahl Alux - gehören zu überlieferten Vorstellungen der Maya-Region auf der Halbinsel Yucatán. Ethnografische und kulturwissenschaftliche Quellen beschreiben sie als bis heute bedeutsame Wesen in Erzählungen und rituellen Vorstellungen; je nach Ort und Überlieferung werden sie unter anderem mit Feldern, Wald, Höhlen, Schutz, Respekt und auch Gefahr verbunden. Sie einfach als „Monster“, „Geister“ oder kleine Kobolde zu übersetzen, würde diesen unterschiedlichen Vorstellungen nicht gerecht.
Der Alux in dieser Geschichte ist keine Nacherzählung einer bestimmten Maya-Legende. Seine konkrete Höhle, der Anhänger, der Schattenwächter und seine Verbindung zum Kompass sind erfunden.
Auch der Kompass der verlorenen Legenden, seine goldenen Zeichen und seine Verbindung zu Mateo gehören vollständig zur erfundenen Serienwelt von Milea & Tavo. Mateo selbst ist ebenfalls eine erfundene Figur und stellt keine Gestalt aus einer mexikanischen oder Maya-Überlieferung dar.
Quellen für den Faktencheck
• UNESCO World Heritage Centre: Pre-Hispanic City of Chichen-Itza, Welterbe Nr. 483.
• Instituto Nacional de Antropología e Historia (INAH): Chichén Itzá / Ciudad prehispánica de Chichén-Itzá.
• David de Ángel García: „Esbozos etnográficos entorno a una entidad sagrada maya peninsular: los aluxo'ob“, The Polish Journal of the Arts and Culture. New Series 6(2), 2017, S. 29–52.
• Universidad Autónoma de Yucatán (UADY), Yucatán: Identidad y Cultura Maya: dokumentierte yukatekisch-mayasprachige Erzählung über einen Alux; Einordnung als mythologischer Wächter von Milpas.
Almas Kindergeschichten · Milea & Tavo · Geschichte 02 · Website-Finalfassung · September 2026