Die kleine Hexe Pippa und die Finsterkröten

Die kleine Hexe Pippa
Alter: ab 4 Jahren   •   Lesedauer: ca. 7 Minuten

Pippa mochte den Wald am liebsten, wenn es dunkel war.

Tagsüber konnte schließlich jeder sehen, wo der Weg verlief und was hinter den Bäumen raschelte. Nachts musste man schon etwas genauer hinschauen.

Dann schimmerte feuchtes Moos im Mondlicht, zwischen den Wurzeln huschten kleine Schatten davon, und manchmal knackte es tief im Gebüsch, obwohl weit und breit niemand zu sehen war.

Pippa fand das wunderbar.

Sie war schließlich eine Hexe. Eine kleine zwar, aber trotzdem.

An diesem Abend saß sie in der Küche und versuchte gerade, einen besonders hartnäckigen Knoten aus ihrem Besen zu zupfen, als aus dem Wohnzimmer ein langes Stöhnen kam.

„Ooooh, mein Rücken.“

Pippa legte den Besen beiseite und spähte durch die Tür.

Opa saß in seinem Sessel. Vor ihm auf dem Teppich lag sein Taschentuch, und er versuchte mit ausgestrecktem Arm danach zu angeln.

„Ooooh.“

Er kam ungefähr bis zu seinen Knien.

„Du musst dich noch ein bisschen weiter bücken, Opa“, schlug Pippa hilfreich vor.

Opa hob den Kopf und sah sie über den Rand seiner Brille hinweg an. „Vielen Dank, Pippa. Darauf wäre ich allein wirklich nicht gekommen.“

Pippa grinste, sprang auf und hob ihm das Taschentuch auf.

In der Küche klapperte Mama bereits mit kleinen Tiegeln und Gläsern. Der Duft von Rosmarin und etwas Scharfem, das Pippa in der Nase kitzelte, zog durch den Raum.

„Die Salbe für Opa ist fast fertig“, erklärte Mama, während sie eine dicke gelbliche Creme umrührte. „Aber mir fehlt noch Finsterkröten-Extrakt.“

Pippa drehte sich so schnell zu ihr um, dass ihre lilafarbenen Haare über die Schulter flogen.

„Echter? Vom Finsterteich?“

Mama hielt ihr einen kleinen Becher mit Schraubdeckel hin. „Ich kenne jedenfalls keinen anderen Ort, an dem Finsterkröten freiwillig herumquaken.“

Pippas Augen leuchteten.

„Darf ich ihn holen?“

„Wenn du möchtest. Aber geh vorsichtig am Ufer entlang. Der Schlamm dort ist tiefer, als er aussieht.“

Natürlich wollte Pippa.

Wenig später schlüpfte sie in ihre Stiefel, steckte den Becher in die Jackentasche und lief hinaus.

Hinter dem Garten begann schon der Wald.

Die Luft war kühl und roch nach Erde und nassen Blättern. Hoch oben zwischen den Tannen hing der Mond, und unter Pippas Stiefeln knackten kleine Äste.

„Buhuuu.“

Pippa blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken.

Auf einem Ast saß eine dicke Eule. Ihr Gefieder war so aufgeplustert, dass man ihren Hals kaum erkennen konnte.

„Buhu zurück“, grüßte Pippa freundlich.

Die Eule blinzelte zu ihr hinunter. Pippa blinzelte zurück und ging zufrieden weiter. Damit war eigentlich alles Wichtige gesagt.

Zwischen den Farnen schwebten Glühwürmchen. Eines kam so dicht an ihrer Hand vorbei, dass Pippa die kleinen Flügel beinahe auf den Fingern spürte.

Kurz darauf flatterten Fledermäuse zwischen den Baumkronen hindurch. Pippa breitete die Arme aus und flatterte ein paar Schritte mit ihnen mit.

Das ging erstaunlich gut, bis eine dicke Wurzel im Weg lag.

Pippa stolperte und fing sich gerade noch.

„Ihr habt leicht lachen“, rief sie den Fledermäusen hinterher. „Ihr könnt schließlich fliegen!“

Aus der Dunkelheit kam keine Antwort.

Nur vom Finsterteich drang ein tiefes:

„Quooork.“

Pippa wurde schneller.

Das Wasser lag schwarz zwischen den Bäumen. Dort, wo der Mond hineinschien, schimmerte es wie zerknittertes Silber. Am Ufer wuchsen lange Gräser, und im Schlamm saßen die Finsterkröten.

Die größte hockte auf einem flachen Stein. Sie war dunkelgrün, dick und voller Warzen. Bei jedem Atemzug blähte sich ihr Hals auf.

„Quooork.“

Pippa zog den Becher aus ihrer Tasche und ging in die Hocke.

Mama hatte ihr erklärt, was zu tun war: Eine Finsterkröte vorsichtig festhalten und mit dem Becherrand über ihren Rücken streifen. Dort sammelte sich das Sekret, das sie für Opas Salbe brauchte.

Nur hatte Mama nicht erklärt, wie man eine Finsterkröte davon überzeugte, sich festhalten zu lassen.

Pippa kniff nachdenklich die Augen zusammen.

„Von vorne siehst du mich bestimmt“, murmelte sie in Richtung der Kröte. „Also komme ich lieber von hinten.“

Die Kröte saß reglos da und starrte auf das Wasser.

Pippa setzte vorsichtig einen Stiefel in den weichen Schlamm.

Schmatz.

Keine Reaktion.

Sie zog den Fuß heraus und machte noch einen Schritt. Wieder schmatzte der Schlamm unter ihrem Stiefel.

Jetzt war sie nah genug.

Pippa streckte beide Hände aus und flüsterte: „Jetzt hab ich dich.“

Sie packte zu.

„QUOOORK!“

Die Kröte strampelte so heftig, dass Pippa beinahe rückwärts im Schlamm landete.

„Nun halt doch still! Ich brauche nur ein bisschen von deinem Rücken“, versuchte Pippa sie zu beruhigen und musste gleichzeitig aufpassen, dass ihr der Becher nicht aus der Hand fiel.

Die Finsterkröte schien davon wenig überzeugt.

Trotzdem gelang es Pippa, sie vorsichtig unter einem Arm zu halten und mit dem Becherrand über ihre warzige Haut zu streichen.

Eine dicke grünliche Flüssigkeit blieb daran hängen.

Pippa verzog die Nase.

Sie wusste, dass sie nicht daran riechen musste.

Sie tat es natürlich trotzdem.

„Uäääh.“

Die Kröte quakte empört.

„Entschuldigung“, meinte Pippa und hielt den Becher ein Stück weiter von ihrer Nase weg. „Aber du stinkst wirklich.“

Sie setzte das Tier zurück ins Gras. Mit einem kräftigen Satz sprang die Finsterkröte davon und landete mit einem lauten Platsch im Wasser.

„Danke!“, rief Pippa ihr nach, schraubte den Deckel fest auf den Becher und machte sich zufrieden auf den Heimweg.

Mama wartete schon in der Küche.

„Geschafft?“, fragte sie und wischte sich die Hände an einem Tuch ab.

Pippa stellte den Becher stolz vor ihr auf den Tisch. „Und ich bin nicht einmal in den Teich gefallen.“

Mama öffnete den Deckel und roch vorsichtig daran. Für einen Moment verzog sie den Mund.

„Perfekt. Genau das habe ich gebraucht.“

„Hab ich doch gesagt.“

Mama musste schmunzeln, schob den Becher aber gleich außer Pippas Reichweite. „Und du gehst jetzt ins Bad und machst dich bettfertig.“

Pippas gute Laune bekam einen deutlichen Knick.

„Jetzt schon? Ich bin überhaupt noch nicht müde.“

Mama deutete mit dem Kinn zur Wanduhr. „Es ist fast Mitternacht, Pippa.“

„Aber ich bin eine Hexe“, wandte Pippa ein.

„Eine kleine Hexe“, erinnerte Mama sie. „Und auch kleine Hexen putzen ihre Zähne, waschen Gesicht und Hände und fahren gelegentlich mit einem Kamm durch ihre Haare.“

Pippa fasste sich an ihre lilafarbenen Strähnen.

„Die sind doch gar nicht schlimm.“

Mama antwortete nicht, sondern sah nur zu der einen Strähne, die fast senkrecht von Pippas Kopf abstand.

Pippa folgte ihrem Blick.

„Na gut. Ein bisschen vielleicht.“

Im Badezimmer putzte sie sich gründlich die Zähne.

Danach gähnte sie.

Sie betrachtete ihre Hände. An einem Finger klebte noch etwas Grünliches, aber richtig schmutzig sah das nun wirklich nicht aus.

Pippa war müde.

Das Gesicht konnte bis morgen warten, beschloss sie. Die Haare sowieso.

Sie zog ihren lilafarbenen Schlafanzug an, kroch unter die Decke und schlief ein, bevor ihr noch einmal einfiel, was Mama über das Händewaschen gesagt hatte.

Am nächsten Morgen war ihr viel zu heiß.

Pippa schob die Decke von sich, begann kurz darauf zu frösteln und zog sie wieder bis unters Kinn.

Ihr Kopf fühlte sich schwer an. Am linken Arm juckte etwas fürchterlich.

Sie kratzte sich.

Das Jucken wurde schlimmer.

Pippa schob den Ärmel hoch und starrte auf ihre Haut.

Dort saßen kleine grüne Pusteln.

„Was ist denn das?“, murmelte sie.

Jetzt juckte auch ihre Wange. Und das Kinn.

Pippa sprang aus dem Bett und lief zum Spiegel.

Überall dort, wo sie sich am Abend mit den Händen berührt hatte, waren grüne Pusteln aufgetaucht.

Sie beugte sich näher an ihr Spiegelbild.

Da bemerkte sie den Geruch.

Pippa schnupperte an ihrem Arm und verzog augenblicklich das Gesicht.

„Oh nein. Finsterkröte.“

Mama saß im Wohnzimmer und füllte Opas fertige Salbe in einen kleinen Tiegel, als Pippa hereinschlurfte.

„Mama“, jammerte sie und hielt ihr den Arm hin. „Mir geht's überhaupt nicht gut. Und ich glaube, ich stinke.“

Mama stellte den Tiegel sofort weg und zog Pippa zu sich. „Komm mal her, ich sehe dich an.“

Sie legte ihr eine Hand auf die Stirn.

„Du hast Fieber.“

Pippa hielt ihr den pusteligen Arm unter die Nase.

Mama betrachtete erst die grünen Stellen und dann sehr aufmerksam ihre Tochter.

„Pippa, hast du dir gestern nach dem Finsterteich die Hände gewaschen?“

Pippa senkte den Blick.

Ihre Zehen waren plötzlich ausgesprochen interessant.

„Pippa?“, fragte Mama noch einmal.

„Nein“, gab sie leise zu.

Mama atmete hörbar aus. „Und dein Gesicht hast du vermutlich auch nicht gewaschen.“

Pippa schüttelte den Kopf.

„Dann weiß ich, woher die Pusteln kommen. Das Sekret ist auf deiner Haut geblieben.“

Jetzt sah Pippa doch etwas erschrocken auf ihre Hände. „Bleibe ich so grün?“

Mamas Gesicht wurde weicher. „Nein. Dein Körper bekommt das wieder heraus. Aber heute bleibst du im Bett, trinkst viel und ruhst dich aus.“

„Wie bekommt mein Körper das raus?“

Mama zog die Decke, die Pippa hinter sich hergeschleift hatte, um ihre Schultern. „Du wirst es ausschwitzen.“

Pippa verzog das Gesicht.

„Das klingt eklig.“

„Ich fürchte, besonders hübsch wird es nicht.“

Diesmal hielt Pippa sich genau an Mamas Anweisungen.

Sie blieb im Bett und trank Tee. Später brachte Mama ihr noch einen bitteren Hexentee, von dem sie behauptete, er sei besonders gut.

Pippa nahm einen Schluck und schüttelte sich.

„Der schmeckt scheußlich.“

„Das habe ich nicht bestritten“, erwiderte Mama und stellte die Tasse zurück auf den Nachttisch. „Nur trinken musst du ihn trotzdem.“

Am Abend stieg Pippas Fieber noch einmal. Sie schlief tief und schwitzte so sehr, dass ihre lilafarbenen Haare feucht an der Stirn klebten.

Als am nächsten Morgen Sonnenlicht durch ihr Fenster fiel, setzte sie sich vorsichtig auf.

Der Kopf tat nicht mehr weh.

Auch das Jucken war verschwunden.

Pippa schob den Ärmel hoch.

Keine Pustel.

Sie tastete über ihre Wangen.

Nichts.

„Mama!“

Die Tür ging auf, und Mama steckte den Kopf herein.

„Na? Wie geht es meiner kleinen Finsterkröte heute?“

„Ich bin überhaupt keine Finsterkröte mehr!“, verkündete Pippa und schlug begeistert die Bettdecke zurück.

Dann verstummte sie.

Mama ebenfalls.

Mitten auf der Decke klebte ein großer grünlicher Fleck.

Pippa beugte sich vorsichtig hinunter und schnupperte.

Ihr Kopf schnellte wieder hoch.

„Uäääh!“

Mama presste die Lippen zusammen.

Pippa sah sie misstrauisch an. „Du lachst.“

„Noch nicht.“

Mamas Mundwinkel zuckten.

„Mama!“

Jetzt musste sie doch lachen. „Du hast das ganze Krötensekret ausgeschwitzt.“

Pippa betrachtete entsetzt ihre Bettdecke.

„Das war alles in mir drin?“

„Offenbar.“

Mama fasste die Decke mit zwei Fingerspitzen an und hob sie hoch.

Pippa rutschte sofort aus dem Bett. „Die kannst du wegwerfen.“

„Ganz sicher nicht“, widersprach Mama. „Du gehst jetzt duschen und machst dich hexenfrisch. Ich beziehe dein Bett neu, und danach bringen wir Opa seine Salbe.“

An der Badezimmertür blieb Pippa stehen.

„Und?“, rief Mama ihr hinterher. „Hast du wenigstens etwas gelernt?“

Pippa drehte sich um und hielt beide Hände hoch.

„Wenn ich eine Finsterkröte angefasst habe, wasche ich sie sofort. Sogar wenn ich müde bin.“

Mama nickte zufrieden. „Damit kann ich leben.“

Kurz darauf rauschte im Badezimmer das Wasser.

Eine Weile war nichts zu hören.

Dann:

„MAMAAA!“

Mama kam mit der müffelnden Bettdecke unter dem Arm aus Pippas Zimmer. „Was ist denn jetzt?“

„Mein Duschwasser wird grün!“

Mama blieb im Flur stehen und musste wieder lachen.

„Dann würde ich an deiner Stelle noch ein bisschen weiterschrubben!“

Aus dem Badezimmer kam ein tiefes, leidendes Seufzen.

Und weit draußen am Finsterteich saß eine dicke Kröte auf ihrem Stein und quakte in den Morgen.

Ob sie über Pippa lachte, konnte natürlich niemand wissen.

Bei Finsterkröten sah man so etwas nämlich ziemlich schlecht.


Pippa mochte den Wald am liebsten, wenn es dunkel war.

Tagsüber konnte schließlich jeder sehen, wo der Weg verlief und was hinter den Bäumen raschelte. Nachts musste man schon etwas genauer hinschauen.

Dann schimmerte feuchtes Moos im Mondlicht, zwischen den Wurzeln huschten kleine Schatten davon, und manchmal knackte es tief im Gebüsch, obwohl weit und breit niemand zu sehen war.

Pippa fand das wunderbar.

Sie war schließlich eine Hexe. Eine kleine zwar, aber trotzdem.

An diesem Abend saß sie in der Küche und versuchte gerade, einen besonders hartnäckigen Knoten aus ihrem Besen zu zupfen, als aus dem Wohnzimmer ein langes Stöhnen kam.

„Ooooh, mein Rücken.“

Pippa legte den Besen beiseite und spähte durch die Tür.

Opa saß in seinem Sessel. Vor ihm auf dem Teppich lag sein Taschentuch, und er versuchte mit ausgestrecktem Arm danach zu angeln.

„Ooooh.“

Er kam ungefähr bis zu seinen Knien.

„Du musst dich noch ein bisschen weiter bücken, Opa“, schlug Pippa hilfreich vor.

Opa hob den Kopf und sah sie über den Rand seiner Brille hinweg an. „Vielen Dank, Pippa. Darauf wäre ich allein wirklich nicht gekommen.“

Pippa grinste, sprang auf und hob ihm das Taschentuch auf.

In der Küche klapperte Mama bereits mit kleinen Tiegeln und Gläsern. Der Duft von Rosmarin und etwas Scharfem, das Pippa in der Nase kitzelte, zog durch den Raum.

„Die Salbe für Opa ist fast fertig“, erklärte Mama, während sie eine dicke gelbliche Creme umrührte. „Aber mir fehlt noch Finsterkröten-Extrakt.“

Pippa drehte sich so schnell zu ihr um, dass ihre lilafarbenen Haare über die Schulter flogen.

„Echter? Vom Finsterteich?“

Mama hielt ihr einen kleinen Becher mit Schraubdeckel hin. „Ich kenne jedenfalls keinen anderen Ort, an dem Finsterkröten freiwillig herumquaken.“

Pippas Augen leuchteten.

„Darf ich ihn holen?“

„Wenn du möchtest. Aber geh vorsichtig am Ufer entlang. Der Schlamm dort ist tiefer, als er aussieht.“

Natürlich wollte Pippa.

Wenig später schlüpfte sie in ihre Stiefel, steckte den Becher in die Jackentasche und lief hinaus.

Hinter dem Garten begann schon der Wald.

Die Luft war kühl und roch nach Erde und nassen Blättern. Hoch oben zwischen den Tannen hing der Mond, und unter Pippas Stiefeln knackten kleine Äste.

„Buhuuu.“

Pippa blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken.

Auf einem Ast saß eine dicke Eule. Ihr Gefieder war so aufgeplustert, dass man ihren Hals kaum erkennen konnte.

„Buhu zurück“, grüßte Pippa freundlich.

Die Eule blinzelte zu ihr hinunter. Pippa blinzelte zurück und ging zufrieden weiter. Damit war eigentlich alles Wichtige gesagt.

Zwischen den Farnen schwebten Glühwürmchen. Eines kam so dicht an ihrer Hand vorbei, dass Pippa die kleinen Flügel beinahe auf den Fingern spürte.

Kurz darauf flatterten Fledermäuse zwischen den Baumkronen hindurch. Pippa breitete die Arme aus und flatterte ein paar Schritte mit ihnen mit.

Das ging erstaunlich gut, bis eine dicke Wurzel im Weg lag.

Pippa stolperte und fing sich gerade noch.

„Ihr habt leicht lachen“, rief sie den Fledermäusen hinterher. „Ihr könnt schließlich fliegen!“

Aus der Dunkelheit kam keine Antwort.

Nur vom Finsterteich drang ein tiefes:

„Quooork.“

Pippa wurde schneller.

Das Wasser lag schwarz zwischen den Bäumen. Dort, wo der Mond hineinschien, schimmerte es wie zerknittertes Silber. Am Ufer wuchsen lange Gräser, und im Schlamm saßen die Finsterkröten.

Die größte hockte auf einem flachen Stein. Sie war dunkelgrün, dick und voller Warzen. Bei jedem Atemzug blähte sich ihr Hals auf.

„Quooork.“

Pippa zog den Becher aus ihrer Tasche und ging in die Hocke.

Mama hatte ihr erklärt, was zu tun war: Eine Finsterkröte vorsichtig festhalten und mit dem Becherrand über ihren Rücken streifen. Dort sammelte sich das Sekret, das sie für Opas Salbe brauchte.

Nur hatte Mama nicht erklärt, wie man eine Finsterkröte davon überzeugte, sich festhalten zu lassen.

Pippa kniff nachdenklich die Augen zusammen.

„Von vorne siehst du mich bestimmt“, murmelte sie in Richtung der Kröte. „Also komme ich lieber von hinten.“

Die Kröte saß reglos da und starrte auf das Wasser.

Pippa setzte vorsichtig einen Stiefel in den weichen Schlamm.

Schmatz.

Keine Reaktion.

Sie zog den Fuß heraus und machte noch einen Schritt. Wieder schmatzte der Schlamm unter ihrem Stiefel.

Jetzt war sie nah genug.

Pippa streckte beide Hände aus und flüsterte: „Jetzt hab ich dich.“

Sie packte zu.

„QUOOORK!“

Die Kröte strampelte so heftig, dass Pippa beinahe rückwärts im Schlamm landete.

„Nun halt doch still! Ich brauche nur ein bisschen von deinem Rücken“, versuchte Pippa sie zu beruhigen und musste gleichzeitig aufpassen, dass ihr der Becher nicht aus der Hand fiel.

Die Finsterkröte schien davon wenig überzeugt.

Trotzdem gelang es Pippa, sie vorsichtig unter einem Arm zu halten und mit dem Becherrand über ihre warzige Haut zu streichen.

Eine dicke grünliche Flüssigkeit blieb daran hängen.

Pippa verzog die Nase.

Sie wusste, dass sie nicht daran riechen musste.

Sie tat es natürlich trotzdem.

„Uäääh.“

Die Kröte quakte empört.

„Entschuldigung“, meinte Pippa und hielt den Becher ein Stück weiter von ihrer Nase weg. „Aber du stinkst wirklich.“

Sie setzte das Tier zurück ins Gras. Mit einem kräftigen Satz sprang die Finsterkröte davon und landete mit einem lauten Platsch im Wasser.

„Danke!“, rief Pippa ihr nach, schraubte den Deckel fest auf den Becher und machte sich zufrieden auf den Heimweg.

Mama wartete schon in der Küche.

„Geschafft?“, fragte sie und wischte sich die Hände an einem Tuch ab.

Pippa stellte den Becher stolz vor ihr auf den Tisch. „Und ich bin nicht einmal in den Teich gefallen.“

Mama öffnete den Deckel und roch vorsichtig daran. Für einen Moment verzog sie den Mund.

„Perfekt. Genau das habe ich gebraucht.“

„Hab ich doch gesagt.“

Mama musste schmunzeln, schob den Becher aber gleich außer Pippas Reichweite. „Und du gehst jetzt ins Bad und machst dich bettfertig.“

Pippas gute Laune bekam einen deutlichen Knick.

„Jetzt schon? Ich bin überhaupt noch nicht müde.“

Mama deutete mit dem Kinn zur Wanduhr. „Es ist fast Mitternacht, Pippa.“

„Aber ich bin eine Hexe“, wandte Pippa ein.

„Eine kleine Hexe“, erinnerte Mama sie. „Und auch kleine Hexen putzen ihre Zähne, waschen Gesicht und Hände und fahren gelegentlich mit einem Kamm durch ihre Haare.“

Pippa fasste sich an ihre lilafarbenen Strähnen.

„Die sind doch gar nicht schlimm.“

Mama antwortete nicht, sondern sah nur zu der einen Strähne, die fast senkrecht von Pippas Kopf abstand.

Pippa folgte ihrem Blick.

„Na gut. Ein bisschen vielleicht.“

Im Badezimmer putzte sie sich gründlich die Zähne.

Danach gähnte sie.

Sie betrachtete ihre Hände. An einem Finger klebte noch etwas Grünliches, aber richtig schmutzig sah das nun wirklich nicht aus.

Pippa war müde.

Das Gesicht konnte bis morgen warten, beschloss sie. Die Haare sowieso.

Sie zog ihren lilafarbenen Schlafanzug an, kroch unter die Decke und schlief ein, bevor ihr noch einmal einfiel, was Mama über das Händewaschen gesagt hatte.

Am nächsten Morgen war ihr viel zu heiß.

Pippa schob die Decke von sich, begann kurz darauf zu frösteln und zog sie wieder bis unters Kinn.

Ihr Kopf fühlte sich schwer an. Am linken Arm juckte etwas fürchterlich.

Sie kratzte sich.

Das Jucken wurde schlimmer.

Pippa schob den Ärmel hoch und starrte auf ihre Haut.

Dort saßen kleine grüne Pusteln.

„Was ist denn das?“, murmelte sie.

Jetzt juckte auch ihre Wange. Und das Kinn.

Pippa sprang aus dem Bett und lief zum Spiegel.

Überall dort, wo sie sich am Abend mit den Händen berührt hatte, waren grüne Pusteln aufgetaucht.

Sie beugte sich näher an ihr Spiegelbild.

Da bemerkte sie den Geruch.

Pippa schnupperte an ihrem Arm und verzog augenblicklich das Gesicht.

„Oh nein. Finsterkröte.“

Mama saß im Wohnzimmer und füllte Opas fertige Salbe in einen kleinen Tiegel, als Pippa hereinschlurfte.

„Mama“, jammerte sie und hielt ihr den Arm hin. „Mir geht's überhaupt nicht gut. Und ich glaube, ich stinke.“

Mama stellte den Tiegel sofort weg und zog Pippa zu sich. „Komm mal her, ich sehe dich an.“

Sie legte ihr eine Hand auf die Stirn.

„Du hast Fieber.“

Pippa hielt ihr den pusteligen Arm unter die Nase.

Mama betrachtete erst die grünen Stellen und dann sehr aufmerksam ihre Tochter.

„Pippa, hast du dir gestern nach dem Finsterteich die Hände gewaschen?“

Pippa senkte den Blick.

Ihre Zehen waren plötzlich ausgesprochen interessant.

„Pippa?“, fragte Mama noch einmal.

„Nein“, gab sie leise zu.

Mama atmete hörbar aus. „Und dein Gesicht hast du vermutlich auch nicht gewaschen.“

Pippa schüttelte den Kopf.

„Dann weiß ich, woher die Pusteln kommen. Das Sekret ist auf deiner Haut geblieben.“

Jetzt sah Pippa doch etwas erschrocken auf ihre Hände. „Bleibe ich so grün?“

Mamas Gesicht wurde weicher. „Nein. Dein Körper bekommt das wieder heraus. Aber heute bleibst du im Bett, trinkst viel und ruhst dich aus.“

„Wie bekommt mein Körper das raus?“

Mama zog die Decke, die Pippa hinter sich hergeschleift hatte, um ihre Schultern. „Du wirst es ausschwitzen.“

Pippa verzog das Gesicht.

„Das klingt eklig.“

„Ich fürchte, besonders hübsch wird es nicht.“

Diesmal hielt Pippa sich genau an Mamas Anweisungen.

Sie blieb im Bett und trank Tee. Später brachte Mama ihr noch einen bitteren Hexentee, von dem sie behauptete, er sei besonders gut.

Pippa nahm einen Schluck und schüttelte sich.

„Der schmeckt scheußlich.“

„Das habe ich nicht bestritten“, erwiderte Mama und stellte die Tasse zurück auf den Nachttisch. „Nur trinken musst du ihn trotzdem.“

Am Abend stieg Pippas Fieber noch einmal. Sie schlief tief und schwitzte so sehr, dass ihre lilafarbenen Haare feucht an der Stirn klebten.

Als am nächsten Morgen Sonnenlicht durch ihr Fenster fiel, setzte sie sich vorsichtig auf.

Der Kopf tat nicht mehr weh.

Auch das Jucken war verschwunden.

Pippa schob den Ärmel hoch.

Keine Pustel.

Sie tastete über ihre Wangen.

Nichts.

„Mama!“

Die Tür ging auf, und Mama steckte den Kopf herein.

„Na? Wie geht es meiner kleinen Finsterkröte heute?“

„Ich bin überhaupt keine Finsterkröte mehr!“, verkündete Pippa und schlug begeistert die Bettdecke zurück.

Dann verstummte sie.

Mama ebenfalls.

Mitten auf der Decke klebte ein großer grünlicher Fleck.

Pippa beugte sich vorsichtig hinunter und schnupperte.

Ihr Kopf schnellte wieder hoch.

„Uäääh!“

Mama presste die Lippen zusammen.

Pippa sah sie misstrauisch an. „Du lachst.“

„Noch nicht.“

Mamas Mundwinkel zuckten.

„Mama!“

Jetzt musste sie doch lachen. „Du hast das ganze Krötensekret ausgeschwitzt.“

Pippa betrachtete entsetzt ihre Bettdecke.

„Das war alles in mir drin?“

„Offenbar.“

Mama fasste die Decke mit zwei Fingerspitzen an und hob sie hoch.

Pippa rutschte sofort aus dem Bett. „Die kannst du wegwerfen.“

„Ganz sicher nicht“, widersprach Mama. „Du gehst jetzt duschen und machst dich hexenfrisch. Ich beziehe dein Bett neu, und danach bringen wir Opa seine Salbe.“

An der Badezimmertür blieb Pippa stehen.

„Und?“, rief Mama ihr hinterher. „Hast du wenigstens etwas gelernt?“

Pippa drehte sich um und hielt beide Hände hoch.

„Wenn ich eine Finsterkröte angefasst habe, wasche ich sie sofort. Sogar wenn ich müde bin.“

Mama nickte zufrieden. „Damit kann ich leben.“

Kurz darauf rauschte im Badezimmer das Wasser.

Eine Weile war nichts zu hören.

Dann:

„MAMAAA!“

Mama kam mit der müffelnden Bettdecke unter dem Arm aus Pippas Zimmer. „Was ist denn jetzt?“

„Mein Duschwasser wird grün!“

Mama blieb im Flur stehen und musste wieder lachen.

„Dann würde ich an deiner Stelle noch ein bisschen weiterschrubben!“

Aus dem Badezimmer kam ein tiefes, leidendes Seufzen.

Und weit draußen am Finsterteich saß eine dicke Kröte auf ihrem Stein und quakte in den Morgen.

Ob sie über Pippa lachte, konnte natürlich niemand wissen.

Bei Finsterkröten sah man so etwas nämlich ziemlich schlecht.

Almas Kindergeschichten · Die kleine Hexe Pippa · Websitefassung September 2026

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.