
03 Alma und Nora wollen beide Erste sein
⏱ ca. 12–15 Min. · 💛 Freundschaft · Streit · Versöhnung
„ICH WAR ERSTE!“
„Nein! Ich!“
Alma und Nora standen vor der roten Bank im Garten des Kindergartens.
Beide keuchten. Beide hatten eine Hand auf die Bank gelegt.
Und beide sahen aus, als würden sie ihre Hand dort nie wieder wegnehmen.
„Meine war zuerst da“, sagte Alma bestimmt.
Nora schüttelte ihre dunklen Locken.
„Meine war viel früher da.“
Alma blinzelte. „Viel früher? Wir sind gleichzeitig gerannt!“
„Trotzdem“, sagte Nora trotzig.
„Das geht doch gar nicht!“ erwiderte Alma.
Nora zog ihre rote Kappe ein Stück tiefer ins Gesicht.
Alma stemmte die Hände in die Hüften.
Manchmal konnte Nora wirklich unglaublich stur sein.
Leider dachte Nora vermutlich gerade genau dasselbe über Alma.
Und eigentlich war genau das ungewöhnlich.
Alma und Nora konnten sonst stundenlang zusammen sein, ohne sich zu langweilen. Sie bauten, rannten, malten, spielten Fußball oder erfanden Spiele, die fünf Minuten später schon wieder ganz andere Regeln hatten.
Wenn eine von beiden keine Idee mehr hatte, hatte meistens die andere schon drei neue.
Richtig gestritten hatten sie deshalb fast nie.
Nur bei einer Sache konnte es manchmal schwierig werden:
Wenn beide unbedingt gewinnen wollten.
Dabei hatte der Vormittag so gut angefangen.
Als Alma morgens in den Kindergarten gekommen war, hatte Nora schon auf sie gewartet.
„Almaaa!“
Sie war ihr entgegengerannt und hatte sie so fest umarmt, dass Almas Rucksack beinahe von der Schulter gerutscht wäre.
„Komm!“, hatte Nora gerufen. „Wir bauen draußen einen Parcours!“
Alma war sofort dabei gewesen.
Natürlich.
Nora war fünf, genau wie Alma, und eine ihrer allerbesten Freundinnen. Sie liebte Fußball, konnte blitzschnell rennen und trug am liebsten Sachen, in denen sie springen, klettern und sich dreckig machen konnte.
Wenn Nora eine Idee hatte, musste sie meistens sofort ausprobiert werden.
Und heute hatte sie eine richtig gute.
Gemeinsam schleppten sie Reifen, Hütchen und kleine Kästen in den Garten.
Leo half ihnen, einen langen Holzstamm auf den Boden zu legen.
„Das ist die Brücke“, erklärte Alma.
„Nein“, widersprach Nora. „Ein Vulkan.“
Alma betrachtete den Stamm.
„Ein Vulkan ist nicht so lang.“
Nora zuckte mit den Schultern.
„Dieser schon.“
Alma musste lachen.
„Na gut. Ein langer Vulkan.“
Danach kamen zwei Reifen, drei Hütchen, ein kleiner Kasten und ganz am Ende stand die rote Bank.
Nora trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk.
„Wer zuerst an der Bank ist, gewinnt.“
Alma grinste.
„Also ich.“
Nora grinste zurück. „Träum weiter.“
Und genau da hätte Alma vielleicht schon merken können, dass es keine gute Idee war, zwei sehr ehrgeizige beste Freundinnen gegeneinander antreten zu lassen.
Aber da war es schon zu spät.
Leo stellte sich an den Rand.
„Ich mache den Start!“
Alma und Nora gingen nebeneinander in die Hocke.
Alma spürte dieses kribbelige Gefühl im Bauch, das sie immer bekam, wenn gleich ein Wettrennen begann.
Sie sah zu Nora und Nora zu ihr.
Noch grinsten beide.
„Auf die Plätze …“, rief Leo.
Alma spannte die Beine an.
„Fertig …“
Nora wippte vor Aufregung.
„LOS!“
Sie schossen los: über den langen Vulkan, durch den ersten Reifen, durch den zweiten, um die Hütchen herum.
Nora war vorne, aber nur ein kleines Stück.
Alma biss die Zähne zusammen und wurde schneller.
Am Kasten holte sie auf.
Jetzt kam nur noch die Bank.
Nora rannte.
Alma rannte.
Zwei Hände schossen nach vorne.
PATSCH!
Beide landeten fast gleichzeitig auf dem roten Holz.
Für einen winzigen Moment sagte niemand etwas.
Dann:
„ICH WAR ERSTE!“, riefen beide.
Und der schöne Vormittag war vorbei.
„Frag Leo!“, sagte Alma.
Nora nickte sofort.
„Ja! Leo entscheidet.“
Beide drehten sich zu ihm.
Leo erstarrte.
Sein Blick wanderte von Alma zu Nora und wieder zurück.
„Also …“
„Wer war Erste?“, drängte Nora.
Leo machte einen kleinen Schritt rückwärts.
„Ihr wart … sehr schnell.“
„Leo!“, rief Alma.
Er sah sich hektisch um.
„Ich muss Nikos helfen.“
„Wobei?“, fragte Nora.
Doch Leo war schon weg.
Alma starrte ihm hinterher.
„Feigling“, murmelte Nora.
Alma musste beinahe lachen.
Dann erinnerte sie sich daran, dass sie gerade stritten.
„Wir machen es noch mal“, entschied Nora.
„Gut.“
„Und ich sage los.“
Alma sah sie misstrauisch an.
„Dann läufst du bestimmt früher los.“
Nora riss die Augen auf.
„Mach ich gar nicht!“
Jetzt wurde Almas Gesicht heiß.
Sie hasste dieses Gefühl.
Wenn aus einem lustigen Streit plötzlich ein richtiger wurde.
„Dann spiele ich eben nicht mehr mit dir!“, platzte es aus ihr heraus.
Kaum hatte Alma es gesagt, fühlten sich die Worte irgendwie größer an, als sie gedacht hatte.
Noras Gesicht veränderte sich und dann hob sie das Kinn.
„Gut“, sagte sie und drehte sich um und ging.
Alma blieb zurück.
Mitten zwischen dem langen Vulkan, den Reifen und der roten Bank.
Plötzlich sah der Parcours gar nicht mehr besonders toll aus.
Und genau das machte Alma fast noch wütender.
Normalerweise hätte Nora nach zwei Minuten schon die nächste verrückte Idee gehabt. Oder Alma hätte irgendetwas angefangen und Nora wäre einfach eingestiegen.
Jetzt war da plötzlich nur Stille zwischen ihnen.
Das kannte Alma so nicht und dachte sich dann trotzig: „Na schön. Dann eben nicht.“
Alma konnte auch alleine spielen.
Sie balancierte über den Vulkan.
Sprang durch die Reifen.
Lief um die Hütchen.
Kletterte über den Kasten.
Dann sprintete sie zur roten Bank und klatschte mit beiden Händen darauf.
„Gewonnen“, sagte sie.
Keiner antwortete. Alma schaute sich um.
Auf der anderen Seite des Gartens kickte Nora einen Fußball gegen eine Wand.
Bumm.
Der Ball kam zurück.
Bumm.
Wieder gegen die Wand.
Normalerweise hätte Alma längst gerufen:
„Ich bin Torwart!“
Heute nicht.
Sie setzte sich auf die rote Bank und überlegte, wie es jetzt weitergehen sollte.
Beim Mittagessen setzte Alma sich ganz bewusst zwischen Hanna und Leo.
Nora saß am anderen Ende des Tisches.
Alma aß ein Stück Gurke. Dann schaute sie zu Nora.
Nora lachte gerade über irgendetwas mit jemand anderem.
Alma biss kräftiger auf die Gurke.
Knack.
„Du guckst schon wieder zu Nora“, sagte Hanna sanft.
„Habt ihr Streit?“
Alma seufzte.
„Sie sagt, sie war Erste beim Parcours.“
Hanna nahm einen Schluck Wasser.
„Und war sie es?“
„Nein“, gab Alma zurück und machte eine Pause.
„Glaube ich zumindest.“
Jetzt sagte Hanna nichts mehr.
Das war fast schlimmer.
Nach dem Essen gingen alle wieder hinaus.
Alma setzte sich an den Basteltisch.
Sie nahm ein Blatt Papier und malte einen großen Regenbogen.
Normalerweise hätte Nora spätestens jetzt ihren Kopf über Almas Schulter geschoben und gesagt:
„Mach noch Glitzer drauf.“ Oder: „Komm lieber Fußball spielen.“
Heute blieb der Platz neben Alma leer.
Alma malte einen Baum. Der Stamm wurde schief. Sie malte einen zweiten Baum. Der wurde noch schiefer.
„Blöde Bäume“, murmelte sie.
In diesem Moment rollte ein Fußball gegen ihren Schuh.
Alma hielt inne.
Sie wusste sofort, wem er gehörte.
Langsam sah sie auf.
Nora stand ein paar Meter entfernt.
„Kannst du ihn zurückgeben?“, fragte sie und lächelte ein bisschen unsicher.
Ihre Stimme klang ganz normal.
Alma schob den Ball mit dem Fuß zurück.
Er rollte ungefähr zwei Meter, dann blieb er liegen. Nora sah Alma mit schiefem Kopf an und wartete, dass Alma aufstand und den Ball noch mal anschob, damit er auch bei ihr landete.
„Alma.“
Camila stand ein paar Schritte entfernt.
Nur dieses eine Wort.
Alma wusste sofort, dass Camila alles gesehen hatte.
Camila war nicht die Erzieherin, bei der man besonders überzeugend behaupten konnte, es sei nichts.
Trotzdem versuchte Alma es.
„Es ist nichts.“
Camila sah erst Alma an.
Dann Nora.
Dann den Fußball zwischen ihnen.
„Mhm.“
Mehr sagte sie nicht.
Das war typisch Camila.
Sie konnte mit einem einzigen „Mhm“ dafür sorgen, dass Alma plötzlich selbst wusste, dass „nichts“ keine besonders gute Antwort war.
Nora sah auf ihre Schuhe und murmelte:
„Wir haben Streit.“
Camila nickte: „Das sehe ich.“
Sie setzte sich auf die kleine Bank daneben.
Alma wartete darauf, dass Camila ihnen sagte, was sie tun sollten.
Tat sie aber nicht.
Stattdessen fragte sie:
„Seid ihr noch wegen des Rennens sauer?“
„Ja“, sagte Alma.
„Nein“, sagte Nora gleichzeitig.
Beide sahen sich an.
Camila hob eine Augenbraue.
Nora seufzte. „Vielleicht.“
Für einen Moment war es still.
Dann sagte Nora leise:
„Sie hat gesagt, sie will nicht mehr mit mir spielen.“
Alma schluckte.
Das hatte sie tatsächlich gesagt.
Und plötzlich klang es viel gemeiner, wenn Nora es aussprach.
Gerade weil das sonst nie zwischen ihnen stand.
„Aber nur, weil ich sauer war“, sagte Alma schnell.
Nora stocherte mit der Schuhspitze im Sand. „Trotzdem.“
Alma wollte sofort antworten, doch dann sah sie Noras Gesicht.
Nora schaute nicht wütend, sondern eher traurig.
Das gefiel Alma überhaupt nicht.
„Ich war auch traurig“, sagte Alma.
Jetzt schaute Nora auf: „Warum?“
Alma dachte nach.
Eigentlich hatte sie doch gewonnen. Oder vielleicht auch nicht.
Darum ging es inzwischen gar nicht mehr.
„Weil du einfach weggegangen bist.“
Nora blinzelte.
„Du hast doch gesagt, du willst nicht mit mir spielen.“
Alma knetete ihre Finger.
„Ja.“
Kurze Pause.
„Aber ich wollte irgendwie trotzdem, dass du da bist.“
Nora sah sie an.
Dann musste sie ganz leicht lächeln.
„Das ist unlogisch.“
Alma nickte.
„Ich weiß.“
Camila musste schmunzeln.
Alma sah zu der roten Bank.
Sie stand noch immer am Ende des Parcours.
„Vielleicht waren wir wirklich gleichzeitig da“, sagte sie schließlich.
Nora verzog das Gesicht.
Man konnte ihr ansehen, dass ihr dieser Satz überhaupt nicht gefiel.
„Vielleicht“, antwortete Nora trotzdem seufzend und sah Alma an.
Alma grinste ein kleines bisschen.
„Also beide Erste?“
Nora dachte nach.
„Oder beide Zweite.“
Alma riss die Augen auf.
Dann prustete sie los.
„Das ist ja noch schlimmer!“
Jetzt lachte Nora auch.
Das heiße Gefühl in Almas Bauch war weg.
Und plötzlich war es wieder da, dieses ganz vertraute Gefühl zwischen ihnen: als hätten sie eigentlich noch hundert Dinge zusammen vor.
Camila stand auf und sagte lächelnd: „Ich glaube, ihr braucht mich nicht mehr.“ Dann ging sie zu den anderen Kindern zurück.
Nora und Alma nickten kurz und waren sofort wieder zusammen in ihr eigenes Spiel versunken.
Alma zeigte auf die Reifen und meinte: „Ich habe eine Idee für ein neues Spiel: Fußball-Parcours!“
Nora riss begeistert die Arme hoch.
„JAAA!“
Keine fünf Minuten später waren Leo, Nikos und Hanna auch dabei.
Der lange Vulkan war jetzt eine schmale Brücke.
Durch die Reifen musste der Ball gespielt werden.
Zwischen den Hütchen wurde gedribbelt.
Am Kasten musste man einmal außen herum.
Leo lief bis zur roten Bank.
„Und hier ist das Ziel!“
Alma und Nora sahen sich an.
Beide schüttelten gleichzeitig den Kopf.
„Nein“, sagte Alma.
Leo blinzelte.
„Warum nicht?“
Nora grinste.
„Weil dann wieder jemand Erste sein muss.“
Alma nickte.
„Wir spielen einfach weiter.“
Leo zuckte mit den Schultern.
„Auch gut.“
Und dann jagten alle dem Ball hinterher.
Ohne Gewinner. Ohne Verlierer.
Und vor allem ohne rote Bank.
Als Bella Alma am Nachmittag abholte, kam Alma mit zerzausten Haaren und roten Wangen aus dem Garten gerannt.
Nora direkt hinter ihr.
„Mama!“, rief Alma. „Wir haben einen Fußball-Parcours gebaut!“
Bella nahm Almas Jacke vom Haken.
„Das klingt nach einem guten Tag.“
Alma wollte schon nicken, doch dann sah sie zu Nora.
Nora grinste.
Alma grinste zurück.
„Fast“, sagte Alma.
Bella zog fragend die Augenbrauen hoch.
Doch bevor sie nachfragen konnte, legte Nora ganz schnell die Arme um Alma.
„Bis morgen.“
Alma drückte sie zurück.
„Bis morgen.“
Nora rannte davon.
Bella schaute ihrer Tochter kurz ins Gesicht.
„Alles wieder gut?“, fragte sie leise.
Alma nickte.
„Wir waren beide Erste.“
Sie überlegte.
„Oder beide Zweite.“
Bella sah überrascht aus.
„Das klingt kompliziert.“
Alma schlüpfte in ihre Jacke und dann nahm sie Bellas Hand.
„Deshalb gibt es beim neuen Parcours jetzt kein Ziel mehr.“
Bella musste lächeln.
„Und wann hört man dann auf?“
Alma sah sie an, als wäre die Antwort völlig klar.
„Wenn man keine Lust mehr hat.“
Bella nickte.
„Eigentlich eine ziemlich gute Regel.“
Das fand Alma auch.