
07 Milo will unbedingt gewinnen
⏱ ca. 8–10 Min. · 💛 Freundschaft · Sport · Verlieren lernen
Milo konnte sehr viele Dinge ziemlich gut.
Er rannte schnell, sprang gern von Mauern, erfand Spiele mit Regeln, die sich während des Spiels manchmal änderten, und brachte Alma regelmäßig so zum Lachen, dass sie irgendwann gar nicht mehr wusste, worüber eigentlich.
Nur mit dem Verlieren war es bei Milo schwierig.
An diesem Nachmittag würde Alma das noch einmal ziemlich genau merken.
Auf dem Platz neben dem Kindergarten standen mehrere Basketballkörbe. Alma hatte ihren Ball dabei, Nora ebenfalls, und Milo wartete schon mit einer Idee.
„Wir spielen Superkorb.“
„Was ist das?“, fragte Alma.
Milo nahm den Ball und stellte sich hinter eine Linie. „Man wirft. Wer am meisten trifft, gewinnt.“
Nora sah zur Linie, dann zum Korb. „Das ist einfach Werfen.“
„Nein. Superkorb.“ , gab Milo zurück und dachte kurz nach. „ nur die super Körbe zählen“
Alma lachte. Damit war die Sache entschieden.
Milo wollte anfangen und tat es auch, noch bevor Nora ihren Ball richtig abgelegt hatte. Sein erster Wurf ging daneben, der zweite sprang vom Ring zurück, beim dritten traf er.
„Ha! Einer.“
Nora war als Nächste dran. Sie traf zweimal.
„Schon zwei“, sagte sie und holte ihren Ball.
Milo verzog kurz den Mund, sagte aber nichts.
Alma stellte sich an die Linie. Sie traf beim ersten Versuch, verwarf den zweiten und hatte beim dritten Glück: Der Ball drehte sich am Ring entlang und fiel hinein.
„Auch zwei!“, rief sie und klatschte Nora ab.
„Der zählt nicht“, sagte Milo.
Alma drehte sich zu ihm und fragte: „Welcher?“
„Der letzte. Der ist komisch reingegangen.“ erklärte Milo.
Er zeigte auf den Korb, als wäre der selbst schuld. „Der hat gewackelt.“
Nora sah hoch. „Der wackelt doch immer ein bisschen.“
Milo nahm den Ball und sagte „Noch eine Runde.“
Alma war nicht sicher, ob sie gerade eine Regel verpasst hatte, aber sie spielte mit.
In der zweiten Runde traf Nora wieder zweimal. Alma nur einmal. Milo begann gut und traf seinen ersten Wurf, der nächste sprang seitlich weg. Beim dritten warf er zu hoch.
Nora fing den Ball hinter dem Korb.
„Dann hab ich wieder zwei.“
Milo antwortete so schnell, dass sie kaum fertig war. „Nein, dein Fuß war auf der Linie“
Nora blinzelte ihn an und meint, dass es mehrere Linien auf dem Boden gab und sie keine davon vorher genutzt hatten.
Alma merkte, wie Milo gereizter wurde. Er trat mit der Schuhspitze über den Asphalt und sagte etwas davon, dass der Ball sowieso nicht richtig springe.
„Das ist mein Ball“, sagte Alma. Sie mochte nicht, wie er plötzlich an allem etwas auszusetzen hatte und sagte ruhig:
„Milo, du kannst doch nicht jedes Mal neue Regeln machen, wenn du verlierst.“
„Ich verliere gar nicht.“ erwiderte er trotzig.
Nora schnaubte. „Du hast einmal getroffen.“
Milo warf ihr einen Blick zu, nahm den Ball und ließ ihn absichtlich ein bisschen zu fest auf den Boden prallen.
„Ist mir egal. Ich spiel nicht mehr.“
Er ging zu einer niedrigen Mauer am Rand des Platzes und setzte sich. Nicht weit weg, aber weit genug, dass klar war, dass er gerade nicht dazugehören wollte.
Nora hob Almas Ball auf. „Na gut.“
Alma blieb noch einen Moment stehen. Eigentlich war sie sauer. Milo hatte ihr Spiel kaputt gemacht, obwohl vorher alles lustig gewesen war.
Sie spielte mit Nora weiter.
Zumindest versuchten sie es.
Nora warf ihr den Ball zu, Alma fing ihn, warf zurück und schaute beim nächsten Pass schon wieder zur Mauer. Milo saß dort, zog mit der Schuhsohle kleine Halbkreise über den Boden und beobachtete sie, sobald er glaubte, dass niemand hinsah.
Alma war nicht ganz beim Spiel und fing den nächsten Ball nicht. Er rollte ein Stück über den Platz und blieb an einem Rucksack hängen, der jemandem gehörte, den sie gar nicht kannten.
Nora holte ihn zurück: „Er kann ja einfach wiederkommen. Ich gehe aber nicht fragen“
Alma auch nicht. Jedenfalls erst einmal.
Sie warf noch ein paar Körbe, setzte sich später kurz auf den Boden, weil ihr Schuh offen war, und als sie wieder aufstand, saß Milo immer noch auf der Mauer.
Irgendwann ging sie doch zu ihm.
Sie setzte sich neben ihn, aber nicht ganz nah. Milo sagte nichts.
„Bist du jetzt sauer auf uns?“ fragte Alma.
Er schüttelte den Kopf.
„Auf wen dann?“ fragte Alma weiter.
Milo zuckte mit den Schultern.
Alma wartete. Von der anderen Seite des Platzes rief Nora irgendetwas über einen Hund, der gerade vorbeiging. Alma schaute kurz hin, verpasste aber, was genau passiert war.
„Ich mag Verlieren nicht“, sagte Milo schließlich leise.
Alma sah ihn an. Das war zumindest ehrlicher als die Sache mit der Linie.
Milo rieb mit dem Finger über eine kleine raue Stelle an der Mauer. „Ich bin dann immer sauer.“
„Ja“, sagte Alma, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Milo sah sie an.
Alma biss sich kurz auf die Lippe. „Also… oft.“
Für einen Moment sagte keiner etwas. Dann musste Milo ein bisschen lachen, obwohl er es eigentlich nicht wollte.
Nora kam herüber und blieb vor ihnen stehen.
„Spielt ihr jetzt wieder oder wohnt ihr da?“
Milo zuckte mit den Schultern.
„Du kannst einfach mitkommen“, sagte Nora. „Aber ich diskutiere nicht noch mal über die Linien.“
Alma sprang von der Mauer. „Wir könnten was anderes machen.“
„Was?“ fragten Milo und Nora gleichzeitig.
Sie überlegte. „Zusammen zehn Treffer schaffen.“
Milo runzelte die Stirn. „Wer gewinnt dann?“
„Keine Ahnung. Niemand?“ überlegte Alma.
Das gefiel ihm sichtbar nicht.
Nora rief von ein paar Metern Entfernung: „Oder wir gewinnen alle und sind fertig!“
Milo stand auf. „Das geht eigentlich nicht.“
„Komm einfach“, sagte Alma und lief los.
Er kam.
Sie stellten sich unter den Korb und begannen zu werfen. Erst traf Alma, dann Nora, dann Milo. Beim nächsten Versuch ging Almas Ball daneben.
„Jetzt wieder null“, sagte Nora.
Milo öffnete schon den Mund. Alma wartete fast darauf, dass er widersprach.
Stattdessen hob er den Ball auf. „Ich werf zuerst.“
„Du bist doch gerade erst dran gewesen“, sagte Nora.
„Ja, aber— ach egal. Dann Alma.“
Es war keine große Veränderung. Eigentlich war es kaum etwas.
Trotzdem bemerkte Alma es.
Sie kamen bis fünf Treffer, dann bis sieben. Bei einem Versuch stritten Nora und Milo kurz darüber, ob ein Ball, der vom Brett in den Korb ging, schöner oder hässlicher sei. Das hatte nichts mit dem Spiel zu tun und dauerte trotzdem erstaunlich lange.
Irgendwann standen sie bei neun.
Milo hielt den Ball.
„Wenn der reingeht, sind wir bei zehn“, sagte Alma.
Er warf. Der Ball traf den Ring, sprang hoch und fiel wieder herunter – hinein.
Milo riss die Arme hoch. „Wir haben gewonnen!“
Nora lachte. „Gegen wen?“
Milo blieb kurz stehen.
„Na… gegen zehn.“
Alma verstand nicht ganz, was das bedeuten sollte, aber es klang gut genug. Sie klatschten sich ab.
Später saßen sie mit Bella auf einer Bank. Alma hatte Pistazieneis, Milo Mango und Nora Schokolade.
Milo war wieder bestens gelaunt. Er hatte ein bisschen Mango am Mundwinkel und behauptete gerade, er könne eigentlich sehr gut verlieren.
Nora sah ihn an. „Du warst vorhin zehn Minuten beleidigt.“
„War ich gar nicht.“
Alma musste lachen. „Du hast auf der Mauer gewohnt.“
Milo leckte schnell über sein Eis. „Nur kurz.“
Milo grinste. Dann zeigte er auf Almas Becher. „Deins schmilzt.“
Alma sah hinunter. Tatsächlich lief Pistazieneis an der Seite entlang.
„Oh nein.“
Für ein paar Sekunden waren alle mit ihren Bechern beschäftigt.
Milo aß den letzten Löffel Mango, schaute zu Nora und überlegte insgeheim, wer beim Eisessen gewonnen hatte.