
Die Hexen von Schloss Finisterra
Eine eigenständige Gruselgeschichte an der Küste Galiciens
Alter: ab ca. 6 Jahren • Lesedauer: ca. 10 Minuten
Der Wind kam vom Atlantik und roch nach Salz und Regen.
Inés zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis unters Kinn. Vor ihnen führte ein schmaler Weg zwischen Ginsterbüschen hinauf zu den Klippen. Dahinter lag nur noch das Meer - dunkelblau, fast schwarz.
„Da oben soll es sein“, sagte Mara und hielt die zerknitterte Karte gegen den Wind.
„Du hast vor zehn Minuten schon gesagt, es sei gleich da.“
„Diesmal stimmt es.“
Inés wollte gerade antworten, als über ihnen ein Rabe krächzte.
Der Vogel saß auf einem verwitterten Wegstein. Er war ungewöhnlich groß. Sein Gefieder glänzte im letzten Licht des Abends, und er sah die Mädchen an, als hätte er auf sie gewartet.
Mara blieb stehen. „Ich mag den nicht.“
„Du magst Raben grundsätzlich nicht.“
Mara warf dem Vogel einen misstrauischen Blick zu. „Dieser hier mag mich aber auch nicht.“
Der Rabe breitete die Flügel aus und flog landeinwärts. Genau dorthin, wo laut Karte die Ruine von Finisterra liegen sollte.
Im Dorf hatte niemand ihnen sagen wollen, wie man dorthin kam.
Der alte Señor Varela hatte nur gelacht. „Das Schloss? Das gibt es seit hundert Jahren nicht mehr.“
Seine Frau hatte ihm sofort den Ellenbogen in die Seite gestoßen.
Später hatte sie Inés und Mara heimlich nach draußen begleitet.
„Geht nicht hinauf, wenn der Mond rund ist“, hatte sie leise gesagt.
„Warum?“
Die alte Frau hatte zur dunkler werdenden Küste gesehen. „Weil früher drei Schwestern dort gelebt haben sollen. Die Leute nannten sie Hexen.“
Señor Varela hatte aus dem Haus gerufen, sie solle den Kindern keine Märchen erzählen.
Damit war die Sache für die Erwachsenen erledigt gewesen.
Für Inés und Mara nicht.
Als sie die Anhöhe erreichten, blieb Inés so abrupt stehen, dass Mara gegen sie lief.
Vor ihnen stand ein Schloss.
Keine Ruine, sondern ein richtiges Schloss.
Vier dunkle Türme ragten über den Felsen auf. In den schmalen Fenstern hing kein Glas mehr, und Efeu kroch über die Mauern. Trotzdem wirkte das Gebäude nicht verlassen.
Aus einem der oberen Fenster fiel grünliches Licht.
Mara faltete langsam die Karte zusammen. „Señor Varela hat gesagt, hier wäre nichts.“
„Vielleicht war er lange nicht mehr hier.“
„Oder er wollte nicht, dass wir herkommen.“
Hinter ihnen ging der Vollmond auf.
Im selben Augenblick flatterte etwas aus dem höchsten Turm.
Eine Fledermaus. Dann zehn. Dann so viele, dass der Himmel für einige Sekunden schwarz wurde.
Mara wich einen Schritt zurück.
Da öffnete sich das Burgtor.
Ganz von allein.
Inés spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Wir schauen nur kurz.“
„Das sagen Menschen immer, kurz bevor etwas Schreckliches passiert.“
Trotzdem ging Mara mit.
Hinter dem Tor lag ein Innenhof. In seiner Mitte stand ein ausgetrockneter Brunnen. Überall saßen Raben: auf den Zinnen, den Fensterbänken, sogar auf dem steinernen Rand des Brunnens.
Keiner krächzte.
Das war schlimmer als Lärm.
Inés drehte sich zum Tor um.
Es fiel zu.
Der Knall hallte durch den Hof.
Mara rannte zurück und zog am eisernen Ring. Nichts.
Dann kam das Lachen.
Hoch, kreischend und so nah, dass Inés herumfuhr.
Auf der Galerie über ihnen stand eine Frau.
Sie war groß und dünn. Ihr schwarzes Kleid hing in Fetzen bis zum Boden. Graues Haar fiel ihr über die Schultern, und auf einer Hand saß ein Rabe.
„Zwei“, sagte sie.
Mehr nicht.
Eine zweite Stimme antwortete aus dem Schloss: „Ich sehe sie.“
Dann eine dritte: „Sie sind freiwillig gekommen.“
Das Lachen begann wieder.
Diesmal aus drei verschiedenen Richtungen.
„Raus hier“, sagte Inés.
Sie liefen durch die einzige offene Tür.
Der Gang dahinter war schmal. Alte Gemälde bedeckten die Wände. Männer und Frauen in dunklen Kleidern blickten ihnen entgegen.
Mara blieb vor einem Bild stehen.
Darauf waren drei junge Frauen vor dem Schloss zu sehen. Unter dem Bild stand eine Jahreszahl, fast unleserlich. 1721.
Jemand hatte später mit roter Farbe daruntergeschrieben:
DIE DREI SCHWESTERN WURDEN NICHT VERTRIEBEN.
SIE WARTEN.
„Inés.“
„Ich sehe es.“
Ein leises Scharren kam aus dem Gang hinter ihnen.
Sie liefen weiter und fanden eine Bibliothek. Viele Regale waren eingestürzt, doch auf einem Pult lag ein einziges Buch.
Mara schlug es auf.
Die Schrift war alt, aber lesbar.
Die drei Schwestern von Finisterra hätten, so stand dort, Seeleute mit falschen Lichtern an die Felsen gelockt. Wer in das Schloss kam, wurde erst wieder freigelassen, wenn er den Schwestern etwas gab, das sie selbst nicht besaßen.
Auf der nächsten Seite fehlte ein Stück.
„Was sollen Hexen nicht besitzen?“, flüsterte Mara.
Die Tür schlug zu.
Drei Frauen standen davor.
Die erste war die Frau von der Galerie. Neben ihr stand eine kleine, gebeugte Hexe mit einem Gesicht voller tiefer Falten. Die dritte hatte langes schwarzes Haar und Augen, die im Mondlicht silbern wirkten.
Keine von ihnen lächelte. Das machte sie unheimlicher als jedes Hexengesicht aus einem Bilderbuch.
„Ihr habt unsere Geschichte gelesen“, sagte die Schwarzhaarige.
„Die Menschen unten erzählen sie nicht mehr“, sagte die Alte.
„Sie lachen über uns“, ergänzte die erste.
Dann verzog sich ihr Mund zu einem Grinsen.
„Das gefällt uns.“
Mit einem Mal flatterten die Raben durch das offene Fenster. Mara duckte sich. Flügel schlugen gegen Regale, Federn wirbelten durch die Luft.
Inés packte das Buch.
„Lauf!“
Sie stürmten durch eine Seitentür und eine Wendeltreppe hinauf. Hinter ihnen hörten sie keine Schritte.
Nur das kreischende Lachen.
Oben endete die Treppe in einem Turmzimmer. Ein riesiger Spiegel lehnte an der Wand. Durch das Fenster fiel der Vollmond genau darauf.
Im Spiegel sah Inés nicht sich selbst.
Sie sah den Innenhof.
Dort standen steinerne Figuren.
Kinder, Erwachsene, Seeleute.
Dutzende.
Mara trat näher. „Das sind die Menschen aus der Legende.“
Im Spiegel erschienen hinter ihnen die drei Hexen.
Inés fuhr herum.
Niemand da.
Im Spiegel kamen sie trotzdem näher.
Da entdeckte Mara auf der Rückseite der herausgerissenen Buchseite, die zwischen den Seiten geklemmt hatte, einen letzten Satz.
„Hier!“
Sie las laut:
„Was die Schwestern niemals besitzen können, ist ein freiwillig gegebenes Versprechen.“
Inés starrte sie an. „Was soll das heißen?“
Das Lachen war jetzt direkt vor der Tür.
Mara dachte fieberhaft nach. Dann nahm sie Inéss Hand.
„Versprich mir, dass du mich hier nicht alleinlässt.“
Inés verstand.
„Versprochen.“
„Und ich verspreche dir dasselbe.“
Der Spiegel begann zu leuchten.
Draußen schrien die Raben auf.
Die Tür flog auf.
Die drei Hexen standen dort.
Zum ersten Mal sahen sie nicht überlegen aus.
Sie waren wütend.
„Schweigt!“, zischte die Alte.
Der Spiegel wurde heller. Mondlicht füllte das Zimmer und lief wie silbernes Wasser über den Boden.
Die Hexen wichen zurück.
Die Hexen wurden davon nicht besser und kein Zauber veränderte ihre Herzen. Sie hassten das Licht, sie hassten das Versprechen - und in diesem Augenblick hassten sie vor allem die beiden Mädchen.
„Ihr kommt wieder“, sagte die Schwarzhaarige.
„Nein“, antwortete Mara.
„Ganz bestimmt nicht.“
Das war offenbar nicht die Antwort, mit der die Hexe gerechnet hatte.
Inés musste trotz ihrer Angst lachen.
Dann rannten sie.
Diesmal standen alle Türen offen. Sie stürzten die Treppe hinunter, durch den Innenhof und hinaus auf den Weg.
Hinter ihnen schlug das Burgtor zu.
Als sie sich umdrehten, lag auf dem Hügel nur eine zerfallene Ruine.
Am nächsten Morgen erzählten sie Señor Varela alles.
Er schüttelte den Kopf.
„Vollmond, Nebel, zwei müde Mädchen. Ihr habt euch erschreckt.“
Seine Frau sagte nichts.
Sie sah nur auf die schwarze Feder, die aus Maras Jackentasche ragte.
Später, als niemand hinsah, nahm sie die Feder und warf sie ins Feuer.
Die Feder wurde an den Rändern rot, doch sie verbrannte nicht.
Und hoch oben auf den Klippen saßen drei Raben auf einer Mauer und warteten auf die nächste Vollmondnacht.
Hintergrund zur Inspiration
Galicien besitzt eine lebendige Überlieferung rund um Hexen und sogenannte Meigas. Die konkrete Geschichte von Schloss Finisterra und den drei Schwestern ist jedoch erfunden. Sie greift die Atmosphäre galicischer Hexen- und Küstensagen auf, ohne eine bestimmte überlieferte Legende nachzuerzählen.
Almas Kindergeschichten · Gruselabenteuer · Websitefassung September 2026