Das Schloss der schwarzen Raben

Eine eigenständige Gruselgeschichte aus Bosnien
Alter: ab ca 6 Jahren   •   Lesedauer: ca. 10 Minuten

Bei Tag sah der Wald oberhalb des Una-Tals freundlich aus.

Das Licht fiel zwischen die Buchen, irgendwo klopfte ein Specht, und von weit unten hörte man das Wasser des Flusses.

Nachts war derselbe Wald ein anderer Ort.

Das behauptete jedenfalls Ajlas Großmutter, bei der die beiden einen Teil der Sommerferien verbrachten.

„Und deshalb bleibt ihr nach Sonnenuntergang hier“, sagte sie und stellte eine Schale mit Kirschen auf den Tisch.

Una grinste. „Gibt es Wölfe?“

„Wölfe sind nicht das Problem.“

Ajla sah sofort auf. „Was ist dann das Problem?“

Ihre Großmutter setzte sich.

„Früher erzählten die Leute von einer Burg tief im Wald. Man nannte sie die Burg der schwarzen Raben. Niemand wusste, wer sie gebaut hatte. Aber in Vollmondnächten sollen dort drei Hexen gelebt haben.“

Unas Grinsen wurde breiter.

„Natürlich.“

„Du glaubst mir nicht.“

„Ein bisschen.“

„Du glaubst mir gar nicht.“

„Fast gar nicht.“

Die Großmutter lachte. Dann wurde sie ernst.

„Das tun die meisten nicht mehr.“

Sie erzählte ihnen, die Burg sei vor langer Zeit verschwunden. Manche sagten, sie sei eingestürzt. Andere behaupteten, der Wald habe sie verschluckt.

Nur eine alte Geschichte war geblieben:

Wenn der Vollmond über den Bergen steht und drei Raben denselben Weg fliegen, soll man ihnen niemals folgen.

„Warum?“, fragte Ajla.

„Weil sie zur Burg führen.“

Am nächsten Abend saßen Una und Ajla noch draußen, als ein Rabe über den Garten flog.

Kurz darauf kam ein zweiter.

Dann ein dritter.

Alle drei verschwanden in Richtung Wald.

Ajla und Una sahen einander an.

„Nein“, sagte Ajla.

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Dein Gesicht hat es gesagt.“

Zehn Minuten später hatten sie Taschenlampen, Wasser und Ajlas kleinen Rucksack dabei.

„Nur bis zum Waldrand“, sagte Una.

„Das glaube ich dir ungefähr so sehr wie Oma den Hexen.“

Die Raben warteten tatsächlich am Waldrand.

Als die Mädchen näher kamen, flogen sie weiter.

Der Weg führte bergauf. Das letzte Tageslicht verschwand hinter den Bergen, und zwischen den Bäumen stieg Nebel auf.

Dann hörten sie Fledermäuse.

Erst das feine Flattern über ihren Köpfen, dann sahen sie die Tiere zwischen den Ästen hindurchschießen.

„Wir sollten zurück“, sagte Ajla.

Una wollte gerade zustimmen.

Da hörten sie das Lachen.

Es war hoch und kreischend. Kein fröhliches Lachen. Es zog sich durch den Wald, brach ab und begann an einer anderen Stelle erneut.

Ajla griff nach Unas Arm.

„Das war nicht Oma.“

„Nein.“

Vor ihnen lichteten sich die Bäume.

Dort, wo am Nachmittag nur Wald gewesen war, stand eine Burg.

Schwarze Mauern. Zwei schmale Türme. Ein Tor aus dunklem Holz.

Auf den Zinnen saßen Raben.

„Die Geschichte ist wahr“, flüsterte Una.

Zum ersten Mal klang sie überhaupt nicht begeistert darüber.

Das Tor stand offen.

Im Burghof brannten drei Feuer in eisernen Schalen. Ihre Flammen waren bläulich und gaben kaum Wärme ab.

An der gegenüberliegenden Wand führte eine Treppe hinauf.

Dann fiel hinter ihnen das Tor zu.

Ajla wirbelte herum.

„Una.“

„Ich weiß.“

Von oben kam eine Stimme.

„Drei Raben.“

Eine zweite antwortete: „Zwei Kinder.“

Dann die dritte: „Und kein Erwachsener weit und breit.“

Das kreischende Lachen erfüllte den Hof.

Drei Frauen traten auf die Galerie.

Die erste trug ein langes schwarzes Kleid und hatte weißes Haar. Die zweite war klein, mit einem Mantel aus dunklen Federn. Die dritte hatte einen langen Zopf, der bis zum Boden reichte.

„Ihr seid also die Hexen“, sagte Una.

Die Frau mit dem weißen Haar legte den Kopf schief.

„Und ihr seid erstaunlich unhöflich für Gäste.“

„Wir wurden nicht eingeladen.“

„Doch“, sagte die Hexe im Federmantel und zeigte nach oben.

Die drei Raben saßen auf dem Dach.

Ajla flüsterte: „Oma hat ausdrücklich gesagt, wir sollen ihnen nicht folgen.“

„Ja. Im Nachhinein war das ziemlich eindeutig.“

Die weißhaarige Hexe hob die Hand.

Die drei Feuer erloschen.

Sofort war der Hof schwarz.

Fledermäuse flatterten aus den Fenstern. Una spürte ihren Luftzug im Gesicht.

„Was wollt ihr?“, rief Ajla.

Die Antwort kam direkt hinter ihr.

„Dass man uns vergisst.“

Ajla drehte sich um.

Die Hexe mit dem langen Zopf stand plötzlich unten im Hof.

„Solange die Menschen glauben, wir seien nur eine Geschichte, können wir tun, was wir wollen.“

„Was denn?“

Die Hexe lächelte.

„Ängste sammeln.“

An der Wand erschienen kleine Lichter.

In jedem sah Una für einen Augenblick ein Gesicht. Ein Kind, das sich nicht mehr in einen dunklen Raum traute. Ein Junge, der plötzlich Angst vor dem Wald hatte. Ein Mädchen, das nachts nicht mehr allein schlafen konnte.

„Ihr macht ihnen Angst“, sagte Una.

„Wir geben ihnen nur etwas, das bleibt.“

Die anderen beiden Hexen kamen die Treppe herunter.

„Und jetzt seid ihr an der Reihe.“

Una spürte, wie die Angst tatsächlich größer wurde. Der Hof schien enger zu werden. Der Wald hinter den Mauern war verschwunden.

Ajla zog sie am Ärmel.

„Der Mond.“

Zwischen zwei Türmen stand der Vollmond.

„Oma hat gesagt, die Burg erscheint bei Vollmond“, flüsterte Ajla. „Vielleicht braucht sie ihn.“

Una sah zu den drei Feuerstellen.

Auf jeder war ein anderes Zeichen eingeritzt. Ein Rabe. Eine Fledermaus. Ein Mond.

„Die Schale mit dem Mond.“

Sie rannten los.

Die Hexen schrien.

Der Hof veränderte sich. Steine schoben sich aus dem Boden. Raben stürzten von den Mauern herab. Das kreischende Lachen war überall.

Ajla erreichte die Feuerschale zuerst.

In ihrer Tasche fand sie den kleinen Taschenspiegel ihrer Großmutter.

„Wofür hast du den dabei?“, keuchte Una.

„Meine Haare! Das ist jetzt wirklich nicht wichtig.“

Sie hielt den Spiegel ins Mondlicht.

Der Lichtstrahl traf das eingeritzte Mondsymbol.

Die Schale flammte auf.

Diesmal brannte darin kein blaues Feuer.

Es war hell und silbern.

Die Burg bebte.

Die Hexen schrien vor Wut.

„Ausmachen!“

„Bestimmt nicht“, rief Una.

Sie nahm Ajlas Hand.

Gemeinsam hielten sie den Spiegel fest, während der Wind immer stärker wurde.

Die schwarzen Mauern bekamen Risse.

Die Raben flogen davon.

Eine der Hexen verwandelte sich in einen Schatten und schoss die Mauer hinauf. Die zweite löste sich in einen Schwarm schwarzer Federn auf. Die weißhaarige blieb am längsten.

Sie stand mitten im silbernen Licht und sah die Mädchen an.

„Ihr glaubt, ihr hättet gewonnen.“

„Wir sind jedenfalls noch hier“, sagte Ajla, obwohl ihre Stimme zitterte.

Das Gesicht der Hexe verzog sich.

Dann verschwand auch sie.

Sie war nicht besiegt und schon gar nicht erlöst. Sie war nur fort - für diese Nacht.

Das Burgtor sprang auf.

Una und Ajla rannten, bis sie die ersten Lichter des Dorfes sahen.

Ajlas Großmutter stand bereits am Gartentor.

Sie hatte die Arme verschränkt.

„Bis zum Waldrand?“

Una blieb keuchend stehen.

„Es gab eine kleine Planänderung.“

„Das sehe ich.“

Drinnen erzählten sie alles.

Die Großmutter hörte zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen.

Als sie fertig waren, legte Ajla den Spiegel auf den Tisch.

Über das Glas zog sich ein dünner schwarzer Riss.

Die Großmutter strich mit dem Finger darüber.

„Dann war die Geschichte also doch wahr“, sagte Una.

Die alte Frau sah sie an.

„Ich habe nie gesagt, dass sie es nicht ist.“

Am nächsten Morgen gingen Dorfbewohner mit ihnen in den Wald.

Sie fanden keine Burg.

Keine Mauern.

Keine Feuerschalen.

Nur drei schwarze Federn lagen auf dem Boden.

Einer der Männer lachte.

„Rabenfedern. Mehr nicht.“

Die anderen gingen zurück.

Una und Ajla blieben noch einen Moment.

Hoch über ihnen kreisten drei Raben.

Und tief zwischen den Bäumen erklang ein leises, kreischendes Lachen.

Ajla sah Una an.

„Beim nächsten Vollmond bleiben wir zu Hause.“

Una nickte.

Dann dachte sie kurz nach.

„Also wahrscheinlich.“

„Una!“

Und diesmal war das Lachen, das durch den Wald hallte, wenigstens ihres.

 

Hinweis zur Inspiration

Bosnien und Herzegowina ist reich an mündlich überlieferten Geschichten über unheimliche Wesen, verwunschene Orte und alte Festungen. Die Burg der schwarzen Raben und die drei Hexen sind für diese Geschichte erfunden. Die Gegend um Bihać und die Una ist real; die Handlung nutzt ihre Landschaft und die Atmosphäre alter Sagen als Inspiration, ohne eine konkrete bosnische Volkssage als historische Tatsache auszugeben.

Almas Kindergeschichten · Gruselgeschichten · Websitefassung September 2026

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