Die kleine Hexe Pippa und der ausgebüxte Schatten

Die kleine Hexe Pippa
Alter: ab 4 Jahren   •   Lesedauer: ca. 7 Minuten

An diesem Nachmittag wartete Pippa auf die Dunkelheit.

Nicht auf die richtige Dunkelheit. Bis zur Nacht dauerte es noch viele Stunden. Aber heute sollte es mitten am Tag dunkel werden.

„Wie lange noch?“, fragte Pippa und stand so dicht vor Papas Liegestuhl, dass ihre Knie beinahe seine Füße berührten.

Papa lag unter dem Apfelbaum und hatte die Augen geschlossen.

„Neun Minuten.“

Pippa lief einmal um den Liegestuhl herum. Als sie wieder vor ihm stand, fragte sie: „Und jetzt?“

Papa öffnete ein Auge.

„Acht Minuten und fünfundfünfzig Sekunden.“

Pippa stemmte die Hände in die Hüften. „Das waren niemals fünf Sekunden.“

„Doch“, behauptete Papa und schloss sein Auge wieder. „Du bist nur sehr ungeduldig.“

Pippa ließ sich ins Gras plumpsen.

Heute sah Papa fast ganz menschlich aus. Nur an seinen Ohren standen ein paar feine dunkle Härchen, die verrieten, dass in ihm auch ein Werwolf steckte.

Pippa zupfte einen Grashalm ab.

„Merkst du so eine Sonnenfinsternis eigentlich als Werwolf?“

„Bis jetzt merke ich hauptsächlich, dass meine Tochter mich alle fünf Sekunden fragt, wann sie anfängt.“

Pippa ignorierte das.

„Vielleicht wachsen dir gleich Haare.“

Papa öffnete wieder die Augen. „Ich habe bereits Haare.“

„Ich meine überall.“

„Hoffentlich nicht.“

Pippa rückte näher. „Oder deine Zähne werden länger.“

Papa setzte sich nun auf und betrachtete seine Tochter.

„Du freust dich ein bisschen zu sehr darauf, dass mit mir etwas Merkwürdiges passiert.“

„Nur ein bisschen“, gab Pippa zu.

In diesem Moment kam Mama aus dem Haus und brachte drei dunkle Schutzbrillen mit.

„Bevor hier jemand auf die Idee kommt, direkt nach oben zu starren: Die bleiben auf, sobald ihr zur Sonne schaut.“

Pippa nahm ihre Brille. „Ich weiß doch, Mama.“

„Das glaube ich dir. Ich sage es trotzdem.“

Pippa setzte sie auf.

Vor der Sonne fehlte bereits ein kleines Stück.

Der Mond schob sich davor.

Langsam veränderte sich das Licht im Garten. Das satte Grün der Wiese wurde blasser, und die Wärme auf Pippas Armen verschwand.

Sie strich sich über die Haut.

„Jetzt merke sogar ich es.“

Auch Papa hatte seine Brille aufgesetzt. „Es wird tatsächlich ziemlich kühl.“

Noch eben hatten die Vögel im Apfelbaum durcheinandergezwitschert. Nun verstummten sie nach und nach.

Schließlich war es so still, dass Pippa das Rascheln der Blätter über sich hören konnte.

Der Garten sah noch genauso aus wie vorher und gleichzeitig überhaupt nicht mehr. Der alte Zaun stand an seinem Platz, Mamas Kräuter wuchsen vor dem Küchenfenster, Papas Liegestuhl knarrte im Wind.

Nur das Licht gehörte nicht mehr richtig zum Nachmittag.

Pippa blickte zu ihren Füßen.

Ihr Schatten lag dunkel im Gras.

Sie hob einen Arm, und der Schatten tat es ihr nach. Als Pippa mit den Fingern wackelte, wackelten auch seine.

„Wenigstens du benimmst dich normal“, murmelte sie.

Da begann es in ihren Zehen zu kribbeln.

Pippa schüttelte erst den einen Fuß, dann den anderen.

„Was ist denn jetzt los?“

Sie sprang auf.

Ihr Schatten blieb sitzen.

Pippa rührte sich nicht mehr.

„Papa“, sagte sie leise.

Er drehte sich zu ihr. „Was ist?“

Pippa zeigte nach unten. „Mein Schatten kommt nicht mit.“

Papa stand auf und trat näher.

Pippa machte vorsichtig einen Schritt zur Seite.

Der schwarze Umriss blieb dort, wo er war.

„Das“, meinte Papa nach einem Moment, „sieht tatsächlich nicht richtig aus.“

„Natürlich sieht das nicht richtig aus! Er gehört an meine Füße.“

Pippa stampfte auf.

„Los jetzt.“

Der Schatten bewegte sich.

Aber nicht so, wie Pippa es tat.

Ganz langsam richtete er sich auf.

Pippa wich einen Schritt zurück.

„Papa …“

Ihr Schatten drehte sich zum Gartenzaun.

Und rannte davon.

„HE!“

Pippa schoss hinterher.

Der Schatten glitt über das Gras, huschte unter dem Gartentisch hindurch und quetschte sich durch eine schmale Lücke im Zaun.

Pippa prallte fast dagegen.

„Komm sofort zurück!“

Doch der Schatten war bereits zwischen den ersten Bäumen verschwunden.

Mama kam über die Wiese gelaufen. „Was um alles in der Welt ist denn passiert?“

„Mein Schatten ist weggelaufen!“, platzte Pippa heraus und zeigte auf den leeren Boden unter ihren Füßen. „Einfach so. Erst ist er sitzen geblieben und jetzt ist er im Wald!“

Mama betrachtete die Stelle, an der eigentlich Pippas Schatten liegen müsste.

Ihr Gesicht wurde ernst.

„Ich glaube, ich weiß, was das ist.“

Sie eilte ins Haus und kam kurz darauf mit ihrem großen Hexenbuch zurück. Die Seiten flatterten im Wind, während sie suchte.

„Hier.“ Mama fuhr mit dem Finger über eine vergilbte Seite. „Schattenhüpferei. Sehr selten und offenbar besonders bei jungen Hexen während einer Sonnenfinsternis.“

Pippa drängte sich neben sie.

„Gut. Und wie holen wir ihn zurück?“

Mama las weiter.

Dann zog sie die Stirn kraus.

Pippa kannte diesen Blick.

„Was steht da?“

„Wir müssen deinen Schatten wieder mit dir verbinden, bevor die Sonnenfinsternis vorbei ist.“

Pippa wartete.

„Und wenn wir das nicht schaffen?“

Mama sah sie an. „Dann bleibt er fort, bis der Mond sich das nächste Mal vor die Sonne schiebt.“

Pippa schluckte. „Und wann ist das?“

„Nicht morgen.“

Das genügte.

Pippa drehte sich zum Wald.

„Dann müssen wir ihn jetzt finden.“

Papa war bereits am Zaun stehen geblieben. Seine Ohren hatten sich verändert. Sie waren spitzer als zuvor und bewegten sich leicht, als irgendwo zwischen den Bäumen ein Ast knackte.

Er hob den Kopf und atmete tief durch die Nase ein.

„Ich glaube, ich kann seine Spur aufnehmen.“

Pippa sah ihn erstaunt an. „Du kannst meinen Schatten riechen?“

„Nicht deinen Schatten selbst“, erklärte Papa und schnupperte noch einmal in die kühle Luft. „Aber dort, wo er verschwunden ist, riecht es nach dir, nach feuchter Erde und nach etwas, das da vorher nicht war.“

Pippa zog die Augenbrauen hoch. „Wie riecht etwas, das vorher nicht da war?“

Papa dachte kurz nach.

„Merkwürdig.“

„Sehr hilfreich.“

„Gern geschehen.“

Mama klappte das Hexenbuch zu. „Ihr könnt eure Geruchsdiskussion unterwegs weiterführen. Los.“

Unter den Bäumen war es beinahe dunkel.

Pippa lief dicht hinter Papa. Der Waldboden gab weich unter ihren Stiefeln nach, und aus dem Moos stieg der Geruch von feuchter Erde.

Papa blieb immer wieder stehen und lauschte.

Seine Ohren zuckten bei jedem Rascheln.

Plötzlich hob er die Hand.

Pippa blieb sofort stehen.

„Hast du ihn?“, flüsterte sie.

Papa antwortete nicht gleich. Er lauschte in Richtung einer kleinen Lichtung.

Dann nickte er.

„Da vorne bewegt sich etwas.“

Pippa schob sich an ihm vorbei.

Zwischen zwei Baumstämmen glitt etwas Schwarzes über den Boden.

„Da ist er!“

Sie rannte los.

Doch bevor sie ihn erreichen konnte, huschte ihr Schatten an einem Baumstamm empor.

Pippa blieb abrupt stehen und legte den Kopf in den Nacken.

„Das kann er doch gar nicht.“

Papa trat neben sie und sah ebenfalls nach oben. „Normalerweise läuft er auch nicht allein in den Wald. Ich glaube, für heute müssen wir unsere Erwartungen an Schatten etwas ändern.“

Der schwarze Umriss erreichte einen dicken Ast und setzte sich darauf.

Pippa stemmte die Hände in die Hüften.

„Komm da runter. Sofort.“

Der Schatten ließ die Beine über dem Ast baumeln.

Pippa starrte ihn empört an.

„Das ist nicht lustig! Ich habe keine Lust, wochenlang ohne dich herumzulaufen.“

Hinter ihnen kam Mama auf die Lichtung und blickte zwischen den Baumkronen zum Himmel.

„Pippa, es wird schon wieder heller.“

Pippa sah ebenfalls hinauf.

Am Rand der dunklen Sonne erschien bereits ein heller Schimmer.

„Na toll.“

Sie griff nach dem untersten Ast.

„Dann muss ich dich wohl selbst holen.“

Die Rinde war rau und kalt unter ihren Fingern. Pippa zog sich hoch, suchte mit dem Stiefel Halt und kletterte weiter.

Der Schatten rutschte ein Stück zurück.

„Wag es ja nicht, noch höher zu gehen“, murmelte Pippa und zog sich auf den nächsten Ast.

Diesmal blieb er sitzen.

Zwischen den Blättern wurde der Himmel heller.

Von unten rief Mama: „Nicht mehr lange!“

„Ich weiß!“

Pippa war jetzt fast bei ihm.

Sie streckte die Hand aus.

Der Schatten wich zurück.

Pippa wollte schon nach ihm greifen, hielt aber inne.

„Warum läufst du eigentlich weg?“

Natürlich antwortete er nicht.

Er saß nur dort.

Pippa betrachtete ihn.

Vielleicht war er gar nicht böse.

Vielleicht hatte ein Schatten, der sonst immer dort sein musste, wo jemand anderes stand, einfach einmal wissen wollen, wie es war, selbst irgendwohin zu gehen.

Pippa streckte ihre Hand erneut aus.

Diesmal ganz langsam.

„Komm“, murmelte sie. „Wir gehen zusammen zurück. Aber an meinen Füßen.“

Der Schatten legte den Kopf schief.

Dann bewegte sich seine Hand.

Sie glitt auf Pippas zu.

In dem Moment, in dem sie sich berührten, fuhr eine eisige Kälte durch Pippas Finger.

„Uah!“

Der Schatten floss über ihre Hand, an ihrem Arm hinunter und über ihr Kleid, als wäre er aus dunklem Wasser.

Pippa hielt ganz still.

Die Kälte wanderte über ihre Beine bis zu den Füßen.

Im selben Augenblick brach Sonnenlicht durch die Baumkronen.

Pippa sah hinunter.

Auf dem Ast unter ihr lag ihr Schatten.

Ganz ordentlich.

Genau dort, wo er hingehörte.

Sie hob vorsichtig einen Arm.

Der Schatten hob seinen.

Pippa atmete aus.

„Na endlich.“

Später saßen sie wieder unter dem Apfelbaum.

Die Sonne schien warm auf Pippas Gesicht, als wäre an diesem Nachmittag überhaupt nichts Merkwürdiges geschehen.

Papas Ohren sahen inzwischen wieder fast menschlich aus.

Pippa hatte die Beine ausgestreckt und betrachtete ihren Schatten im Gras.

Nach einer Weile fragte sie: „Mama, wann ist eigentlich die nächste Sonnenfinsternis?“

Mama sah von ihrer Tasse auf. „Warum möchtest du das wissen?“

„Nur damit ich vorbereitet bin.“

Papa grinste. „Willst du deinen Schatten dann festbinden?“

Pippa dachte ernsthaft darüber nach.

„Kann man Schatten festbinden?“

„Nein“, antwortete Mama.

Pippa seufzte. „Schade.“

Papa stand auf und klopfte sich das Gras von der Hose. „Ich hole uns etwas zu essen.“

Während er zum Haus ging, beobachtete Pippa die Schatten im Garten.

Papa ging nach links, sein Schatten mit ihm.

Mama hob ihre Tasse, und ihr Schatten tat genau dasselbe.

Pippa hob vorsichtig die Hand.

Ihr eigener Schatten blieb liegen.

Pippa erstarrte.

Ganz langsam sah sie nach unten.

„Sehr witzig“, murmelte sie.

Da hob der Schatten ebenfalls die Hand.

Pippa kniff die Augen zusammen.

„Ich hab's gesehen.“

Der Schatten lag wieder vollkommen still im Gras.

Pippa musste grinsen.

Vielleicht hatte sie sich getäuscht.

Aber bei einem Schatten, der schon einmal allein in den Wald gelaufen war, konnte man sich da nie ganz sicher sein.

 

Almas Kindergeschichten · Die kleine Hexe Pippa · Websitefassung September 2026

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