
02 Alma und das Spiel, das sie nicht mag
⏱ ca. 12–15 Min. · 💛 Sport · neue Perspektiven · Mut zum Ausprobieren
„Heute spielen wir zum Schluss noch Affenbande!“, rief Paul quer durch die Turnhalle.
Alma blieb mitten im Laufen stehen.
Och nö. Ausgerechnet dieses Spiel.
Sie hatte sich den ganzen Tag auf Ballsport gefreut. Jeden Samstag zog Alma am liebsten schon viel zu früh ihre Sportsachen an, weil sie es kaum erwarten konnte, endlich loszufahren. Sie liebte es zu rennen, zu werfen, zu dribbeln und neue Spiele auszuprobieren. Eigentlich mochte sie fast alles, was mit Bällen zu tun hatte.
Und heute war auch Hanna da.
Hanna war sechs, ein Jahr älter als Alma und eine ihrer besten Freundinnen. Sie konnte unglaublich schnell rennen und kletterte überall hinauf, wo man irgendwie hinaufklettern konnte.
Eigentlich konnte es also ein richtig guter Ballsporttag werden.
Wenn da nicht dieses eine Spiel wäre.
Affenbande.
Alma mochte Affenbande nicht.
„Alma! Kommst du?“, rief Hanna, die schon mitten in der Halle stand und mit beiden Armen winkte.
Alma trottete zu ihr. Nicht so langsam, dass Paul etwas sagen würde, aber eindeutig langsamer als sonst.
Hanna brauchte nur einen Blick auf ihr Gesicht.
„Was ist denn los mit dir?“
„Paul hat Affenbande gesagt“, murmelte Alma.
Hanna zuckte ziemlich unbekümmert mit den Schultern. „Ich mag Affenbande.“
Alma blieb stehen. „Warum denn?“
Darüber musste Hanna tatsächlich einen Moment nachdenken.
„Weil man gewinnen kann“, erklärte sie schließlich, als wäre das vollkommen offensichtlich.
Das war natürlich ein Argument.
Nur leider keines, das Alma überzeugte.
Zum Glück kam Affenbande erst später.
Zuerst rollte Paul einen großen Wagen voller Bälle in die Halle: Basketbälle, Fußbälle, kleine weiche Bälle und ein paar große bunte, bei denen Alma nie wusste, wofür sie eigentlich gedacht waren.
Ihre schlechte Laune wurde sofort ein kleines bisschen kleiner.
Paul war ihr Trainer. Er war groß, sportlich, meistens gut gelaunt – und Hannas Papa.
„Aufwärmen!“, rief er und klatschte zweimal in die Hände.
Die Kinder rannten los. Mit einem Ball sollten sie bis zur anderen Hallenseite laufen, um Hütchen kurven und wieder zurück.
Alma schnappte sich natürlich einen Basketball.
Bumm. Bumm. Bumm.
Der Ball sprang neben ihr über den Hallenboden. Am ersten Hütchen war sie noch vorsichtig, beim zweiten wurde sie schneller, und am dritten zog sie an Hanna vorbei.
„Heee!“, rief Hanna lachend und versuchte aufzuholen.
Alma grinste.
So musste Ballsport sein.
Danach warfen sie auf einen Korb. Die ersten beiden Würfe traf Alma. Beim dritten sprang der Ball vom Rand zurück und rollte quer durch die Halle.
„Fast!“, rief Paul.
„Der war fast drin!“, rief Alma zurück und jagte ihrem Ball hinterher.
Später spielten die Kinder zu zweit, und natürlich waren Alma und Hanna zusammen.
„Höher!“, verlangte Hanna.
Alma holte aus und warf.
Sehr hoch.
So hoch, dass Hanna den Kopf in den Nacken legen, springen und trotzdem zusehen musste, wie der Ball weit hinter ihr auf den Boden plumpste.
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
Dann drehte Hanna sich um.
„Der war für eine Giraffe.“
Alma prustete los. „Vielleicht kommt ja noch eine.“
„Zum Ballsport?“
„Warum nicht? Giraffen mögen bestimmt auch Bälle.“
Hanna begann ebenfalls zu lachen, und am Ende mussten beide erst einmal ihren Ball suchen, bevor sie weiterspielen konnten.
Viel zu schnell verging die Stunde.
Dann stellte Alma ihren Ball zurück in den Wagen und hörte Paul rufen:
„So, ein letztes Spiel!“
Vielleicht hatte er Affenbande ja vergessen.
Vielleicht spielten sie Fangen. Oder Feuer, Wasser, Sturm. Oder irgendetwas mit Basketball. Alma wäre in diesem Moment mit fast allem einverstanden gewesen.
Paul griff nach den kleinen bunten Bällen.
Alma seufzte.
Keine Chance.
„Affenbande!“
Einige Kinder jubelten sofort.
Alma setzte sich auf den Hallenboden.
Bei Affenbande lagen die kleinen Bälle in der Mitte der Halle. Zwei Mannschaften mussten versuchen, möglichst viele davon in ihren eigenen Reifen zu bringen.
Das klang eigentlich gar nicht so schlimm.
Aber sobald Paul pfiff, rannten alle gleichzeitig los.
Jemand griff nach genau dem Ball, den Alma gerade holen wollte. Ein anderes Kind schoss plötzlich von der Seite vorbei. Überall rief jemand etwas, Füße quietschten über den Boden, Bälle rollten weg – und jedes Mal, wenn Alma dachte, sie hätte sich entschieden, war die Situation schon wieder eine andere.
Dann wusste sie nicht mehr, wohin sie überhaupt laufen sollte.
Genau deshalb mochte sie dieses Spiel nicht.
„Bereit?“, rief Paul und nahm die Pfeife in die Hand.
„Jaaa!“, antworteten die anderen Kinder.
Alma zog die Knie ein bisschen näher an sich.
„Nein“, murmelte sie.
Paul hatte es gehört.
Er pfiff nicht, sondern kam zu ihr und hockte sich neben sie.
„Du magst das Spiel wirklich nicht, oder?“
Alma schüttelte entschieden den Kopf. „Gar nicht.“
Paul wartete kurz, bevor er weiterfragte.
„Was stört dich denn so daran?“
Alma deutete auf die Mitte der Halle.
„Alle rennen einfach los. Und wenn ich weiß, welchen Ball ich holen will, nimmt ihn schon jemand anderes. Dann weiß ich nicht mehr, wo ich hin soll.“
Paul nickte nur. „Mhm.“
Alma wartete darauf, dass er ihr erklärte, wie sie es besser machen sollte.
Aber Paul erklärte nichts.
Stattdessen fragte er: „Was müsste denn anders sein, damit du mitspielen möchtest?“
Das war eine schwierigere Frage.
Alma legte das Kinn auf ihre Knie und betrachtete die Halle. Die bunten Bälle lagen noch immer in der Mitte. Am Rand warteten die Reifen. Hanna stand ein paar Schritte entfernt und wippte ungeduldig auf den Füßen.
Natürlich.
Hanna wollte immer rennen.
Alma dagegen mochte es viel lieber, wenn sie erst einmal wusste, was eigentlich passieren sollte.
Sie ließ den Blick noch einmal über die Bälle wandern.
Rot. Gelb. Blau. Grün.
Dann kam ihr eine Idee.
„Vielleicht müssen nicht alle dasselbe machen“, sagte sie langsam.
Paul blieb neben ihr sitzen. „Wie meinst du das?“
Jetzt richtete Alma sich ein wenig auf.
„Hanna könnte zum Beispiel rennen und Bälle holen, weil sie schnell ist. Und jemand anderes könnte gucken, wo noch ein Ball frei ist.“
Sie zeigte auf die Reifen am Hallenrand.
„Und einer bleibt da und passt auf, was schon drin ist. Dann rennt nicht jeder einfach irgendwohin.“
Hanna war inzwischen näher gekommen und hatte natürlich nur den Teil gehört, der sie interessierte.
„Ich will Bälle holen!“
Alma grinste. „Das dachte ich mir.“
Ein Junge aus der anderen Mannschaft kam ebenfalls dazu.
„Und darf man später tauschen?“
Alma überlegte kurz.
„Ja. Sonst will ich vielleicht auch noch rennen.“
Paul stand auf und klatschte einmal in die Hände.
„Okay. Dann probieren wir Almas Idee.“
Die Kinder kamen näher.
Alma erklärte es diesmal selbst.
„Nicht alle machen dasselbe. Einer sammelt die Bälle, einer schaut, wo noch welche frei sind, und einer bleibt beim Reifen. Und später können wir wechseln.“
Ein paar Kinder begannen sofort durcheinanderzureden.
„Ich will sammeln!“
„Ich will gucken!“
„Kann ich beim Reifen sein?“
Paul hob die Hände. „Einer nach dem anderen.“
Dann grinste er.
„Das klingt fast nach Geheimteams.“
Alma hob den Kopf.
Geheimteams.
Das Wort gefiel ihr sofort.
Es klang nicht nach einem Spiel, bei dem alle einfach durcheinanderrannten.
Es klang nach einem Plan.
Und diesmal war es ihrer.
Alma begann mit dem Aufpassen. Hanna stand schon bereit und verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, als könnte sie kaum verhindern, einfach vorher loszulaufen.
Paul gab das Zeichen.
„ROT!“, rief Alma.
Hanna raste los, schnappte sich einen roten Ball und brachte ihn zurück.
Alma hatte längst den nächsten entdeckt.
„Jetzt den gelben, neben dem Hütchen!“
Hanna drehte sofort wieder um.
Ein Junge aus der anderen Mannschaft lief ebenfalls darauf zu. Beide kamen fast gleichzeitig an, doch der Ball rollte zwischen ihnen hindurch.
„Da hinten!“, rief Alma und sprang auf.
Hanna änderte blitzschnell die Richtung und erwischte ihn.
Alma jubelte so laut, dass sie erst danach bemerkte, wie sehr sie gerade mitfieberte.
Moment mal.
Das machte Spaß.
Nach einer Weile wollte sie selbst sammeln.
„Ich wechsel!“, verkündete sie und stellte sich neben Hanna.
Als Paul das nächste Zeichen gab, wollte Alma zuerst direkt zu einem blauen Ball laufen. Doch noch bevor sie richtig losrannte, bemerkte sie, dass ein anderes Kind längst auf dem Weg dorthin war.
Also blieb sie einen winzigen Moment stehen.
Erst gucken.
Neben einem Hütchen lag ein grüner Ball.
Niemand hatte ihn bemerkt.
Alma flitzte los, schnappte ihn sich und raste zurück.
„Ich hab einen!“
Hanna hielt ihr beide Arme entgegen. „Hierher!“
Alma legte den Ball in den Reifen und drehte sich sofort wieder um.
Ein gelber lag weiter hinten. Noch ein grüner war unter die Bank gerollt.
Plötzlich war Alma überall.
Sie rannte, lachte, rief Hanna etwas zu und änderte zwischendurch ihre Meinung, wenn sie einen besseren Weg entdeckte.
Und als Paul schließlich laut pfiff, blieb Alma außer Atem mitten in der Halle stehen.
„Stopp!“
Alle liefen zu ihren Reifen.
Jetzt wurde gezählt.
Ein Ball. Zwei. Drei. Vier.
Am Ende hatte die andere Mannschaft einen Ball mehr.
Hanna ließ sich mit einem dramatischen Stöhnen auf den Boden fallen.
„Ooooh!“
Alma betrachtete die beiden Reifen.
Sie hatten verloren.
Sie wartete kurz auf dieses blöde Gefühl, das sonst manchmal kam, wenn sie unbedingt hatte gewinnen wollen.
Aber es kam nicht.
Stattdessen musste sie an den grünen Ball neben dem Hütchen denken und daran, wie Hanna losgerannt war, als Alma ihn entdeckt hatte.
Komisch.
Verlieren war diesmal gar nicht so schlimm.
Paul begann bereits, die ersten Bälle einzusammeln. Als er an Alma vorbeikam, fragte er nur:
„Und?“
Alma wusste genau, was er meinte.
Nur aus Prinzip hätte sie fast „immer noch blöd“ gesagt.
Stattdessen grinste sie.
„Nächstes Mal können wir wieder Affenbande spielen.“
Hanna, die gerade ihre Trinkflasche holen wollte, blieb mitten in der Bewegung stehen.
„Was?“
Alma musste lachen. „Ich mag es jetzt.“
„Vorhin war es noch blöd.“
„War es auch.“
Hanna kam ein Stück näher. „Und jetzt nicht mehr?“
Alma dachte kurz darüber nach.
„Jetzt ist es unser Affenbande.“
Paul, der ein paar Meter entfernt einen Ball unter der Bank hervorholte, hörte das und lächelte.
Alma hob noch einen Finger.
„Mit Geheimteams.“
„Sehr wichtig“, sagte Hanna.
„Sehr.“
Wenig später kamen die beiden aus der Turnhalle. Ihre Haare waren zerzaust, ihre Gesichter rot, und Hanna erzählte gerade zum dritten Mal, wie knapp sie den gelben Ball erwischt hatte.
Bella wartete draußen und hielt Almas Jacke bereit.
„Na? Wie war’s?“
„Wir haben Affenbande gespielt!“, platzte Alma heraus.
Bella hielt kurz inne.
Sie kannte Almas Meinung zu Affenbande ziemlich genau.
„Oh“, sagte sie vorsichtig.
„Und nächstes Mal spielen wir es wieder.“
Jetzt musste Bella lachen. „Was ist denn mit meinem Kind passiert?“
Alma schlüpfte in ihre Jacke und zog den Reißverschluss halb hoch.
„Ich hatte eine Idee.“
„Eine gute?“
„Eine Geheimteam-Idee.“
Bella nickte, als wäre damit alles erklärt.
Alma setzte sich auf die Bank, wechselte die Schuhe und erzählte dabei schon weiter. Von Hanna. Vom grünen Ball. Vom Reifen. Davon, dass sie verloren hatten, aber das irgendwie gar nicht so schlimm gewesen war.
Sie war noch nicht einmal fertig, als Hanna aus der Umkleide rief:
„NÄCHSTE WOCHE WIEDER AFFENBANDE!“
Alma prustete los.
„Ja! Aber mit Geheimteams!“
Sie griff nach Bellas Hand und hüpfte Richtung Ausgang.
Und plötzlich konnte der nächste Samstag gar nicht schnell genug kommen.