
04 Alma und das verletzte Knie
⏱ ca. 15–18 Min. · 💛 Mut · Familie · Krankenhaus
Alma und das verletzte Knie
Draußen prasselte der Regen gegen die Fenster des Kindergartens.
Eigentlich hätte Alma jetzt ihren Taller de Movimiento draußen im Garten gehabt. So hieß der Sportkurs am Nachmittag, auf den sie sich jede Woche freute.
Aber bei diesem Wetter? Keine Chance.
Deshalb hatten die Erzieherinnen unten im Comedor Platz gemacht. Normalerweise aßen die Kinder dort gemeinsam. Für die Talleres wurden die Tische und Stühle einfach an die Seite geschoben, und plötzlich wurde aus dem großen Essensraum im Untergeschoss eine kleine Turnhalle.
Heute lagen überall Bälle, Hütchen und Reifen auf dem Boden.
Und wenn irgendwo Bälle lagen, musste Alma natürlich hin.
„Alma! Hier!“, rief Nora und spielte ihr einen Ball zu.
Alma stoppte ihn mit dem Fuß. „Guck mal!“
Sie tippte den Ball nach vorne, erst einmal, dann ein zweites Mal, und lief hinterher. Noch war sie langsam. Dann etwas schneller. Sie dribbelte um ein Hütchen, wich einem anderen Kind aus und grinste Nora über die Schulter an.
Noch einmal nach rechts. Dann nach links.
Der Ball rollte ein kleines Stück vor ihr her. Alma wollte ihn gerade wieder erreichen, als ihr Fuß plötzlich irgendwo hängen blieb.
Sie stolperte.
Für einen winzigen Moment ruderte sie mit den Armen und versuchte noch, das Gleichgewicht wiederzufinden. Doch da kam schon der Boden.
Alma fiel – und ihr Knie landete genau an einer kleinen hervorstehenden Stelle am Boden.
Zuerst war Alma einfach nur überrascht. Sie saß da und brauchte einen Moment, um überhaupt zu verstehen, was gerade passiert war.
Dann kam der Schmerz.
„Auaaa!“
Sofort war eine der Erzieherinnen bei ihr. „Alma, ich bin da.“
Alma setzte sich vorsichtig auf. Ihre Unterlippe begann zu zittern, und als sie nach unten zu ihrem Knie sah, kamen die Tränen.
Jetzt tat es nicht nur weh. Jetzt sah es auch noch schlimm aus.
Und das war eindeutig zu viel.
„Mama!“, schluchzte Alma.
Die Erzieherin setzte sich neben sie und legte vorsichtig einen Arm um ihre Schultern. „Wir kümmern uns jetzt erst einmal um dein Knie. Und Mama rufen wir auch an.“
Alma nickte und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. „Sofort?“
„Ja, jetzt sofort“, antwortete die Erzieherin einfühlsam.
Das war wichtig für Alma.
Bella war gerade unterwegs, als ihr Telefon klingelte.
Als sie den Namen des Kindergartens auf dem Display sah, wurde sie sofort aufmerksam. Der Kindergarten rief tagsüber eigentlich nicht einfach so an.
„Hallo?“
Am anderen Ende erklärte eine Erzieherin ruhig, was passiert war. Alma war beim Sport gestürzt. Ihr Knie war verletzt und bereits versorgt worden. Aber die Wunde sah tief aus, und sie würden es gut finden, wenn Bella vorbeikäme.
Bella stellte keine zehn Fragen. Nur eine.
„Wie geht es ihr?“
Als sie hörte, dass Alma ansprechbar war und sich inzwischen etwas beruhigt hatte, atmete sie ein wenig auf.
„Ich bin unterwegs.“
Als Bella wenig später in den Comedor kam, saß Alma auf einem Stuhl. Ihr Knie war verbunden, ihre Wangen waren noch ein bisschen fleckig vom Weinen und direkt neben ihr saß Nora.
Ganz dicht.
Nora hatte offenbar beschlossen, dass Alma jetzt nicht alleine sitzen musste.
„Mama!“
Kaum sah Alma sie, verzog sich ihr Gesicht wieder.
Bella ging sofort in die Hocke und nahm ihre Tochter vorsichtig in die Arme. „Oh, mein Schatz.“
Jetzt kamen noch einmal ein paar Tränen. Nicht so viele wie vorher. Aber bei Mama konnte man die letzten ruhig auch noch rauslassen.
Alma vergrub ihr Gesicht an Bellas Schulter. „Ich bin hingefallen.“
Bella strich ihr über die langen blonden Haare. „Das habe ich gehört.“
„Auf mein Knie.“ Alma hob den Kopf und sah sie ernst an. „Es hat richtig wehgetan.“
Neben ihnen meldete sich Nora. „Es hat auch geblutet.“
Alma drehte langsam den Kopf zu ihr. „Nora!“
Nora hob die Hände. „Was? Hat es doch.“
Bella musste trotz allem schmunzeln. Das war Nora.
Zu Hause schaute Babo sich den Verband sehr genau an.
Er hockte vor Alma, betrachtete das Knie von einer Seite, dann von der anderen und fragte noch einmal nach, was die Erzieherinnen gesagt hatten.
„Babo“, sagte Alma irgendwann: „Du guckst schon sehr lange.“
Babo richtete sich auf. „Ich kontrolliere.“
Natürlich. Babo kontrollierte Dinge gerne gründlich.
Bella sah ihn an und Babo blickte zurück.
Beiden gefiel die Wunde nicht besonders. Aber Alma konnte ihr Bein bewegen, der Schmerz war inzwischen viel besser geworden und sie wirkte wieder fast wie immer. Also beschlossen sie, sie weiter gut zu beobachten.
Alma hatte währenddessen längst ein anderes Thema.
„Gehen wir trotzdem zu Tedka?“
Für den Abend waren sie bei Babos Schwester zum Essen eingeladen.
„Wir können auch zu Hause bleiben“, sagte Bella. „Du hattest heute schon genug Aufregung.“
Alma schüttelte sofort den Kopf. „Nein! Ich will zu Tedka.“
„Bist du sicher?“, fragte Mama.
Alma nickte heftig. Bei Tedka waren schließlich auch Ajna und Lejla.
Ajna war acht und nah genug an Almas Alter, dass die beiden bei Familienbesuchen fast immer irgendein Spiel fanden. Lejla war mit ihren vierzehn Jahren schon deutlich größer und ziemlich cool – aber sie kümmerte sich trotzdem liebevoll um die Jüngeren.
Und Alma hatte beiden heute sehr viel zu erzählen.
Schon als Tedka die Tür öffnete, wusste vermutlich das halbe Treppenhaus, dass Alma angekommen war.
„Meine arme Maus!“
Tedka kam sofort auf sie zu. Ihre Locken wippten, an ihren Ohren funkelten große Ohrringe und ihre Arme waren schon für eine Umarmung ausgebreitet.
„Komm her!“
„Vorsicht mit dem Knie“, sagte Babo hinter Alma.
Tedka blieb stehen und sah ihren Bruder an. „Ich sehe das Knie.“
Bella biss sich auf die Lippe und Alma grinste.
Ajna kam aus dem Wohnzimmer angelaufen und blieb sofort vor Almas Verband stehen. „Was ist passiert?“
Lejla folgte etwas ruhiger. „Alles okay?“, fragte sie und sah Alma aufmerksam an.
Jetzt konnte Alma endlich erzählen.
Sie erzählte vom Regen. Vom Comedor. Vom Ball. Von ihrem Sturz. Und natürlich von ihrem Knie.
„War ganz schön schlimm“, sagte Alma am Ende.
Ajna betrachtete den Verband ehrfürchtig. „Sieht auch schlimm aus.“
Lejla legte Alma kurz eine Hand auf die Schulter. „Dann heute lieber ein bisschen vorsichtig, okay?“
Alma nickte.
Sie war ein kleines bisschen stolz auf ihren Verband. Nur ein ganz kleines bisschen.
Nach dem Essen wollten die Mädchen nach draußen.
Bella sah Alma an. „Du kannst gerne mitgehen. Aber heute bitte wirklich langsam.“
„Jaaa.“
„Und nicht rennen.“
„Jaaa.“
„Und pass auf dein Knie auf.“
„Mamaaa.“
Bella hob die Hände. „Schon gut. Ich sage nichts mehr.“
Alma ging mit Ajna und Lejla hinaus.
Und zuerst hielten sie sich tatsächlich daran.
Sie saßen zusammen, erzählten und spielten für eine erstaunlich lange Zeit ganz ruhig.
Dann standen Alma und Ajna auf. Aus gemütlichem Gehen wurde Herumlaufen. Aus Herumlaufen wurde schnelles Rennen.
„Nicht so wild“, erinnerte Lejla sie noch aus ein paar Metern Entfernung.
„Wir sind gar nicht wild!“, rief Ajna zurück.
Alma nickte begeistert.
Was dann passierte, ging so schnell, dass Alma später gar nicht mehr genau wusste, wie.
Sie trat ungünstig auf, verlor das Gleichgewicht – und fiel.
Ausgerechnet auf dasselbe Knie. Der Schmerz schoss sofort durch ihr Bein.
„AAAAAH!“
Bella sprang auf.
Dieser Schrei klang anders. Nicht erschrocken, nicht empört. Es war ein richtiger Schmerzensschrei.
Als Bella bei ihr ankam, saß Alma auf dem Boden und weinte. „Mein Knie! Mama, mein Knie!“
Bella kniete sich hin und nahm sie vorsichtig an den Schultern. „Ich bin da. Bleib kurz sitzen.“
Babo kam direkt hinter ihr. Lejla stand schon bei Ajna und hielt sie ein kleines Stück zurück, damit Bella und Babo Platz hatten.
Gemeinsam sahen Almas Eltern vorsichtig unter den Verband.
Die Wunde war wieder aufgegangen.
Bella und Babo brauchten diesmal keinen langen Blick.
„Wir fahren ins Krankenhaus“, sagte Bella.
Alma hörte sofort auf zu schluchzen.
Nicht weil das Knie plötzlich nicht mehr wehtat, sondern weil sie diese vier Wörter gehört hatte.
„Ins Krankenhaus?“
Im Auto war Alma ungewöhnlich still.
Vorhin bei Tedka hatte sie noch laut geweint. Jetzt saß sie auf ihrem Platz und sah aus dem Fenster.
Bella kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, was das bedeutete.
„Du machst dir Gedanken, hm?“
Alma nickte. „Ich will nicht ins Krankenhaus.“
Bella legte ihre Hand auf Almas. „Ich weiß.“
„Muss ich da schlafen?“, fragte Alma.
„Nein. Wir lassen nur dein Knie anschauen und danach fahren wir wieder nach Hause.“
Alma dachte darüber nach. Dann beugte sie sich ein Stück nach vorne.
„Babo?“
„Ja?“, antwortete er sofort vom Fahrersitz.
„Kommst du auch mit rein?“
„Natürlich“, gab er zurück.
Alma lehnte sich wieder zurück. Gut.
Mama und Babo kamen beide mit.
Das machte das Krankenhaus zumindest ein kleines bisschen weniger krankenhausig.
Nach einer Weile fragte Alma: „Gibt es da Kinderpflaster?“
Bella musste lächeln. „Das finden wir heraus.“
Im Krankenhaus war alles sehr hell.
Die Türen waren größer als normale Türen, auf den Fluren rollten Wagen vorbei und irgendwo piepste etwas.
Alma kuschelte sich an Babos Schulter und mit der freien Hand hielt sie Mama.
So liefen sie durch den Flur.
Und solange beide da waren, konnte eigentlich nicht besonders viel passieren.
Nach einer Weile kam ein Arzt zu ihnen.
Er lächelte Alma freundlich an. „Du bist also Alma.“
Alma nickte.
„Und was ist passiert?“
Alma schaute kurz zu Mama. Bella lächelte ihr aufmunternd zu.
Also erzählte Alma selbst.
„Wir hatten Taller de Movimiento.“
Der Arzt blinzelte. „Was hattet ihr?“
„Sport“, übersetzte Alma.
„Ah!“
„Weil es geregnet hat, waren wir im Comedor.“
„Im …?“
Alma sah ihn überrascht an. „Comedor.“
Der Arzt wartete.
Alma seufzte leise. Dieser Arzt wusste aber auch wirklich gar nichts.
„Da essen wir im Kindergarten.“
„Aha.“
„Unten im Kindergarten. Aber für die Talleres kommen die Tische und Stühle weg. Dann können wir da Sport machen.“
Der Arzt nickte. „Jetzt habe ich es verstanden.“
Alma war zufrieden. Endlich.
„Und dann bin ich mit dem Ball gerannt und hingefallen.“
„Und dabei hast du dein Knie verletzt?“
„Ja.“ Sie machte eine kleine Pause. „Und dann bin ich später noch mal draufgefallen.“
Der Arzt verzog das Gesicht. „Oh. Das war Pech.“
Alma nickte ernst. „Sehr viel Pech.“
Der Arzt schaute sich ihr Knie vorsichtig an.
Alma wollte nicht hinsehen und schaute lieber Babo an.
Babo zwinkerte ihr zu.
„Tut das weh?“, fragte der Arzt und drückte vorsichtig an der Wunde rum.
„Ein bisschen.“
Er tastete eine andere Stelle. Alma verzog das Gesicht. „Das mehr.“
„Okay. Dann machen wir ganz vorsichtig.“
Er sah sich die Wunde noch einmal genau an und erklärte dann: „Die können wir mit einem besonderen Hautkleber verschließen.“
Alma sah ihn überrascht an. „Mit Kleber?“
„Mit einem besonderen Kleber für die Haut“, bestätigte der Arzt.
Alma schaute zu Babo. „Wie Bastelkleber?“
Babos Mundwinkel zuckten. „Ich hoffe, der Arzt hat einen besseren.“
Der Arzt lachte ebenfalls und meinte: „Deutlich besser.“
Alma überlegte.
Kleben konnte sie. Sie klebte ständig irgendetwas. Papier. Pappe. Glitzer.
Ein Knie hatte sie bisher noch nie geklebt.
Aber irgendwann war schließlich immer das erste Mal.
Als der Arzt anfing, hielt Alma ganz still.
Zumindest versuchte sie es.
Einmal zog sie ihr Bein reflexartig ein Stück zurück, dann drückte sie Bellas Hand so fest, dass Bella ihre Finger kaum noch spürte.
Der Arzt hielt kurz inne. „Fast geschafft.“
Alma sah zu Babo. „Wie fast?“
Babo dachte nach. „So fast, dass wir schon über Eis nachdenken können.“
Alma wusste ziemlich genau, dass Babo sie ablenken wollte und ließ ihn.
Eis war schließlich ein ausgezeichnetes Thema.
„Schokolade“, überlegte sie, „oder Pistazie …“
„Oder beides“, entschied sie dann, ganz in Gedanken an das Eis versunken.
„Fertig“, sagte der Arzt.
Alma blinzelte. „Was?“
„Wir sind fertig“, sagte der Arzt.
Vorsichtig sah sie nach unten. Über ihrem Knie war wieder ein Verband.
Alma richtete sich ein kleines bisschen größer auf.
Das Krankenhaus sah noch genauso aus wie vorher.
Aber plötzlich fühlte es sich gar nicht mehr so riesig an.
Als sie endlich zu Hause ankamen, war es schon spät.
Alma war müde, ihre Haare waren zerzaust und eigentlich hätte sie direkt ins Bett gehört.
Babo half ihr beim Umziehen, während Bella noch ein paar Sachen wegräumte.
Dann hörte Bella plötzlich Musik aus dem Schlafzimmer.
Sie blieb in der Tür stehen.
Alma stand im Schlafanzug neben dem Bett. Das verletzte Bein hielt sie ganz vorsichtig still. Dafür bewegten sich ihre Arme über ihrem Kopf hin und her und ihre Schultern wackelten im Takt.
Bella musste lachen. „Was machst du denn da?“
Alma sah sie an, als wäre das vollkommen offensichtlich. „Tanzen.“
„Mit deinem Knie?“, fragte Mama erstaunt.
„Nein.“ Alma bewegte demonstrativ nur ihre Schultern. „Ich tanze oben.“
Bella lachte. Das war tatsächlich etwas anderes.
Sie kam zu ihrer Tochter und streckte die Hände aus. „Na gut. Aber ganz vorsichtig.“
Alma griff danach und dann tanzten sie.
Nur ein kleines bisschen. Ohne Springen. Ohne Rennen. Mit einem Bein, das heute wirklich genug erlebt hatte.
Später lagen Bella und Alma zusammen im Bett.
Alma kuschelte sich dicht an Mama. Ihre Augen waren schon halb geschlossen.
Bella strich ihr über die Haare. „Was hat dir heute am besten gefallen?“
Alma öffnete die Augen wieder und überlegte.
Das war schwieriger als sonst.
Der Sturz bestimmt nicht. Der zweite Sturz erst recht nicht. Das Krankenhaus? Nein. Obwohl der Arzt eigentlich ziemlich nett gewesen war.
Sie dachte an Tedka. An Ajna und Lejla. An Babo, der im Krankenhaus mit ihr über Eissorten gesprochen hatte. Und schließlich an die Musik im Schlafzimmer.
Alma lächelte: „Dass wir noch getanzt haben.“
Bella gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Das hat mir auch gefallen.“
Alma kuschelte sich noch ein Stück näher an sie und ihre Augen fielen zu.
Das Knie tat noch ein bisschen weh. Aber Mama lag neben ihr, Babo war da und der schlimmste Teil des Tages war längst vorbei.
Kurz bevor Alma einschlief, dachte sie noch an etwas.
Wenn sie morgen in den Kindergarten kam, musste sie Nora unbedingt erzählen, dass Ärzte offenbar sehr viel über Knie wussten.
Aber erstaunlich wenig über (spanische) Kindergärten.