Die kleine Hexe Pippa und das seltsame Monfieber

Die kleine Hexe Pippa
Alter: ab 4 Jahren   •   Lesedauer: ca. 7 Minuten

An diesem Abend hörte Pippa Papa schon im Flur niesen.

Das Geräusch war so heftig, dass Moxie unter dem Küchentisch eine Pfote über sein Ohr legte.

Als Pippa in die Küche lief, saß Papa am Tisch und hatte sich bis zur Nasenspitze in eine dunkelblaue Wolldecke gewickelt. Seine kleinen pelzigen Wolfsohren lagen müde an seinem Kopf an. Vor ihm stand eine Tasse Tee, die längst kalt geworden war.

„Papa?“, fragte Pippa. „Warum siehst du aus, als hätte dich ein Besen überfahren?“

Papa hob langsam den Kopf. „Ein Besen wäre mir lieber gewesen“, sagte er heiser. „Der wäre wenigstens schnell wieder weg.“

Noch bevor Pippa fragen konnte, was er damit meinte, zuckte seine Nase. „Oh nein“, murmelte Papa.

Dann nieste er so kräftig, dass ein paar kleine Funken über den Küchentisch sprangen. Einer landete auf seinem Butterbrot und hinterließ dort einen orangefarbenen Punkt.

Pippa riss die Augen auf. „Das war ja toll!“

„Es fühlte sich nicht toll an“, brummte Papa und zog die Decke fester um sich. „Meine Ohren jucken, meine Nase juckt und meine Zehen machen Dinge, von denen ich nichts wissen möchte.“

Mama, die am Herd stand, drehte sich zu ihnen um. Ihr dunkles Haar war locker hochgesteckt, zwischen den Strähnen schimmerte das tiefe Moosgrün.

„Funken beim Niesen“, sagte sie nachdenklich. „Das klingt nicht nach einer gewöhnlichen Erkältung.“

Sie nahm ihr großes schwarzes Hexenbuch aus dem Regal und legte es auf den Tisch. Moxie, der ausgerechnet darauf geschlafen hatte, öffnete ein gelbgrünes Auge. Dann streckte er sich ausgiebig und setzte sich daneben, als würde er die Sache nun persönlich überwachen.

Mama blätterte durch die Seiten. Bald roch die Küche nach getrockneten Kräutern, altem Papier und etwas Pfeffrigem.

„Hier ist es“, sagte sie schließlich. „Mondfieber.“

Pippa rückte näher. „Mondfieber klingt eigentlich schön.“

„Nur, solange man es nicht hat“, sagte Papa und schloss wieder die Augen.

Mama strich mit dem Finger über die Zeilen. „Es tritt selten bei magischen Wesen auf, wenn der Vollmond besonders hell ist. Erst kommt Fieber. Dann verändern sich manchmal die Sinne, und Magie passiert, obwohl man gar nicht zaubern wollte.“

Papa sah auf sein Butterbrot. „Ich hätte mir auch etwas Unauffälligeres aussuchen können.“

„Ich kann einen Trank kochen“, sagte Mama. „Dafür brauche ich Mondminze, Honig, Zitronensaft und frischen Spinnennetztau.“

„Ich helfe dir“, sagte Pippa sofort.

Doch als sie vom Stuhl sprang, wurde ihr auf einmal heiß. Ihre Wangen glühten, und ihre Nase kribbelte so sehr, dass sie beide Hände davor presste.

„Oh“, sagte sie.

„HATSCHIII!“

Ein paar orangefarbene Funken sprangen aus ihrer Nase und blieben in ihren violetten Haaren hängen. Die Spitzen leuchteten nun warm auf.

Papa setzte sich trotz seiner Decke aufrechter hin. „Pippa?“

Da begann es an ihren Ohren zu prickeln.

Pippa fasste vorsichtig danach. Der obere Rand ihrer Ohren wurde ein wenig spitzer. An den Spitzen sprossen feine Haarbüschel, violett wie ihr Haar, mit apricot-orangefarbenen Enden.

„Mama“, sagte Pippa leise. „Sind meine Ohren jetzt komisch?“

Mama beugte sich zu ihr und sah genau hin. „Sie sind ungewohnt“, sagte sie. „Das ist nicht dasselbe wie komisch.“

Papa lächelte müde. „Ein kleines bisschen erinnern sie mich an mich.“

Mama legte Pippa eine Hand auf die Stirn. „Dich hat es nur leicht erwischt. Aber wir sollten den Trank jetzt gleich kochen, bevor das Fieber stärker wird. Danach gehst du ins Bett und ruhst dich aus.“

Pippas Ohrspitzen zuckten. Im selben Moment hörte sie etwas.

Es war kaum mehr als ein feines Ticken. Ganz regelmäßig, fast verborgen unter dem Blubbern des Kessels.

Pippa hielt den Atem an. „Hört ihr das auch?“

Mama lauschte. Papa spitzte seine Wolfsohren. „Ich höre den Kessel“, sagte Mama. „Und meinen Kopf brummen“, ergänzte Papa.

Aber Pippa hörte das Ticken noch immer. Es kam von draußen, aus dem Garten.

Moxie saß bereits vor der Terrassentür. Sein Schwanz lag ordentlich um seine Pfoten gelegt, und er sah zu Pippa zurück, als hätte er längst verstanden, worum es ging.

„Das ist der Tau“, flüsterte Pippa. „Er tropft von einem Spinnennetz.“

„Der Tau muss frisch sein“, sagte Mama. „Und solange der Vollmond noch frei zwischen den Wolken steht.“

Pippa ging einen Schritt zur Tür, hielt dann aber inne. „Ich gehe nicht allein“, versprach sie. „Du kommst mit. Und ich nehme nur das kleine Fläschchen.“

Mama nickte. „Das ist ein guter Plan.“

Draußen lag der Garten still unter dem Vollmond. Auf dem Gras sammelte sich Feuchtigkeit, und die Blätter am Apfelbaum bewegten sich kaum im Nachtwind.

Pippa blieb auf der Terrasse stehen und lauschte. Ihre Ohrspitzen zuckten bei jedem Rascheln im Gebüsch, jedem Flügelschlag und jedem Knacken im Gartenzaun. Es war so viel auf einmal, dass sie kurz die Augen schloss.

Dann hörte sie das Ticken wieder. „Dort lang“, sagte sie und zeigte zum Apfelbaum.

Gemeinsam gingen sie am Kräuterbeet vorbei. Moxie schlich lautlos vor ihnen her, blieb unter einem niedrigen Ast stehen und blickte nach oben.

Zwischen zwei Zweigen hing ein großes Spinnennetz. An seinen feinen Fäden hingen kleine Tropfen, die nacheinander in die tieferen Linien rollten.

Pippa hielt das Fläschchen bereit. „Ganz vorsichtig“, erinnerte Mama sie.

Pippa wartete, bis sich ein Tropfen löste, und hielt das Fläschchen genau darunter. Der Tropfen fiel hinein. Dann noch einer.

Als das Glas halb voll war, begann ihre Nase wieder zu kribbeln. Diesmal drehte Pippa sich schnell vom Netz weg, bevor sie niesen musste.

Die Funken flogen in die dunklen Äste des Apfelbaums und verloschen dort.

„Viel besser“, sagte Mama. „Die Spinne wird es dir danken.“

Wieder in der Küche kochte Mama den Trank. Der Duft von Honig und Zitrone mischte sich mit der frischen, leicht bitteren Mondminze.

Pippa nahm zuerst einen Schluck. Der Trank war überraschend süß, nur ganz am Ende schmeckte er ein wenig nach nassem Moos.

Papa betrachtete seine Tasse misstrauisch. „Ich weiß nicht“, sagte er. „Das sieht aus, als würde es zurückgucken.“

„Das tut es nicht“, erwiderte Mama.

„Bist du sicher?“

Mama hob eine Augenbraue. „Nein. Aber trink trotzdem.“

Papa nahm einen großen Schluck und verzog das Gesicht. Pippa musste lachen, und sogar Mama lächelte.

Nach einer Weile wurden die Funken weniger. Papas Wolfsohren richteten sich langsam wieder auf, und seine Schultern sanken erleichtert zurück.

Auch Pippas Haarspitzen hörten auf zu leuchten. Das Prickeln an ihren Ohren wurde schwächer. Erst verblassten die apricot-orangefarbenen Spitzen der kleinen Haarbüschel, dann verschwanden sie ganz, und ihre Ohren wurden wieder weich und rund.

Pippa fasste vorsichtig danach. „Weg“, sagte sie.

Papa legte einen Arm um ihre Schultern. „Vielleicht zeigt sich das irgendwann wieder.“

Pippa sah ihn an. „Findest du das dann komisch?“

„Komisch? Nein“, sagte Papa. „Überraschend vielleicht. So wie damals, als du unbedingt vom Dach fliegen wolltest.“

„Ich bin gelandet“, erinnerte Pippa ihn.

„Ja“, sagte Papa. „Im Regenfass.“

Pippa grinste. „Aber gelandet.“

Kurz darauf brachte Mama sie mit einer Wärmflasche und einem Glas Wasser ins Bett. Pippa war noch nicht eingeschlafen, als sie draußen im Garten den Wind in den Apfelbaum greifen hörte. Der Vollmond stand immer noch hell zwischen den Wolken.

Später weckte sie ein Niesen. Es war leiser als Papas, aber unverkennbar.

Pippa schlüpfte aus dem Bett und spähte in die Küche. Mama stand am Tisch und hatte eine Hand vor die Nase gelegt. Auf Papas spätabendlichem Butterbrot lagen ein paar kleine orangefarbene Funken.

Papa betrachtete den Toast. Dann sah er Mama an. „Ich glaube, der Kessel ist noch warm.“

Mama seufzte. „Dann rührst du diesmal um.“

Pippa lehnte sich an den Türrahmen. „Und ich sage euch, wann der Tau tropft.“

Moxie, der ihr lautlos gefolgt war, setzte sich zwischen ihre Füße und gähnte.

Draußen stand der Vollmond noch über dem Garten.

 

Almas Kindergeschichten · Die kleine Hexe Pippa · Websitefassung Oktober 2026

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