
Die kleine Hexe Pippa
und die Nacht der wilden Kürbisse
Die kleine Hexe Pippa
Alter: ab 4 Jahren • Lesedauer: ca. 7 Minuten
An Halloween roch Pippas Zuhause nach Zimt, feuchter Erde und dem süßen Kürbisbrot, das Mama seit dem Vormittag in der Küche backte. Vor der Haustür hingen kleine Laternen zwischen den Zweigen, über dem Gartenzaun baumelten silberne Monde, und auf dem Dach saßen drei steinerne Fledermäuse. Jedes Mal, wenn jemand am Haus vorbeiging, schlugen sie mit den Flügeln.
Pippa stand mitten im Garten, die Hände in die Hüften gestemmt, und betrachtete ihr Werk.
„Da fehlt etwas“, stellte sie fest.
Moxie saß auf der niedrigen Gartenmauer und putzte sich eine Vorderpfote.
„Kürbisse“, erklärte Pippa ihr. „Viele Kürbisse.“
Die schwarze Katze hielt kurz mit dem Putzen inne und sah sich im Garten um. Dort standen bereits sieben: einer auf der Treppe, zwei am Gartentor und vier entlang des Weges. Mama hatte am Morgen Gesichter hineingezaubert, und sobald es dunkel wurde, sollten kleine goldene Lichter darin erwachen.
Pippa zählte sie noch einmal. Sieben waren trotzdem nicht besonders viele.
Aus dem offenen Küchenfenster drang Mamas Stimme. „Pippa, wie sieht es draußen aus?“
„Fast fertig!“, rief Pippa zurück.
Kurz darauf erschien Mama am Fenster. Zwischen ihren dunklen Haaren leuchteten breite moosgrüne Strähnen, und auf ihrer Nasenspitze klebte etwas Mehl.
„Fast fertig klingt bei dir immer ein bisschen gefährlich.“
„Heute nicht“, versicherte Pippa.
Mama ließ den Blick durch den Garten wandern und blieb schließlich an dem Zauberstab in Pippas Hand hängen. „Mhm.“ Dann verschwand sie wieder in der Küche.
Pippa wartete einen Moment und wandte sich anschließend an Moxie. „Sie vertraut mir.“
Moxie blinzelte langsam und gähnte.
Pippa nahm es trotzdem als Zustimmung.
Eigentlich brauchte sie nur ein paar zusätzliche Kürbisse, und dafür kannte sie einen Zauber. Frau Nachtfarn hatte ihnen in der Hexenschule vor einigen Wochen gezeigt, wie man Dinge vervielfältigte. Aus einem Stück Kreide waren zwei geworden, aus zwei Knöpfen vier.
Frau Nachtfarn hatte allerdings auch etwas darüber gesagt, welche Dinge man besser nicht vervielfältigte.
Pippa runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern. Nein. Es fiel ihr nicht mehr ein.
Sie betrachtete den größten Kürbis am Gartentor. Er war rund, orange und hatte einen krummen Stiel. Ein Kürbis konnte doch nicht so schwierig sein.
Pippa stellte sich davor, hob ihren Zauberstab und zeichnete einen Kreis in die Luft.
„Einmal hier und einmal dort,
zweimal da am selben Ort!“
Die Spitze ihres Zauberstabs glitzerte violett. Der Kürbis begann zu wackeln, und mit einem leisen Plopp stand plötzlich ein zweiter daneben.
Pippas Augen wurden groß. „Moxie, hast du das gesehen?“
Die Katze war inzwischen von der Mauer gesprungen und beschnupperte den neuen Kürbis.
„Das ist ja einfach.“
Pippa schwenkte ihren Zauberstab noch einmal. Ein weiteres Plopp ertönte, und aus zwei Kürbissen wurden vier.
Das ging wirklich hervorragend. Bis einer der Kürbisse wackelte.
Nicht so, wie er beim Vervielfältigen gewackelt hatte. Erst zitterte sein Stiel, dann hob sich sein dicker Bauch ein Stück vom Boden. Zwei dünne Wurzeln schoben sich darunter hervor.
Moxie wich einen Schritt zurück. Der Kürbis stellte sich auf seine Wurzelfüße.
Pippa starrte ihn an. „Das war im Unterricht anders.“
Der Kürbis machte einen vorsichtigen Schritt, noch einen – und flitzte plötzlich davon.
Moxie schoss hinterher.
„Moxie!“
Die Katze jagte den Kürbis quer durch das Blumenbeet. Er hüpfte über einen Stein, Moxie sprang hinterher, und Pippa wollte den beiden gerade nachlaufen, als hinter ihr wieder dieses Geräusch ertönte.
Plopp.
Sie drehte sich um. Neben den vier Kürbissen standen jetzt weitere. Und bevor Pippa auch nur überlegen konnte, wie sie das geschafft hatten, begannen die nächsten Wurzeln zu wachsen.
Innerhalb kürzester Zeit wimmelte der Garten von Kürbissen. Sie hüpften über den Weg, kullerten durch die Beete und rannten auf ihren dünnen Wurzelfüßen zwischen den Büschen hindurch. Einer hatte sich unter der Gartenbank verkrochen. Zwei schoben sich gleichzeitig durch das Gartentor und verkeilten sich dabei, während ein besonders kleiner Kürbis verbissen versuchte, die Treppe hinaufzuklettern.
„Alle stehen bleiben!“, rief Pippa und hob ihren Zauberstab.
Die Kürbisse liefen weiter.
Pippa versuchte es lauter. „Ich bin die Hexe hier!“
Offenbar war das den Kürbissen ziemlich egal.
Also musste sie den Zauber rückgängig machen. Pippa richtete den Zauberstab auf die orangefarbene Horde und versuchte sich an dem Rückzauber. Gerade als ein violetter Lichtstrahl aus der Spitze schoss, jagte Moxie einem vorbeihüpfenden Kürbis hinterher und sprang genau zwischen Pippa und die Magie.
„Moxie, nicht!“
Der Lichtstrahl streifte ihren schwarzen Schwanz. Die Katze blieb abrupt stehen.
Pippa senkte langsam den Zauberstab. „Oh.“
Zunächst geschah nichts. Dann löste sich neben Moxies Pfoten ein zweiter Schatten vom Boden. Ein dritter folgte. Und schließlich noch einer.
Moxie drehte den Kopf und betrachtete die schwarzen Katzengestalten hinter sich. Als sie einen Schritt nach links machte, bewegten sich alle mit. Dann schoss einer der Schatten plötzlich davon.
Moxies Fell stellte sich auf, und im nächsten Augenblick raste sie hinterher. Die anderen Schatten flitzten ebenfalls los. Einer verschwand unter der Gartenbank, einer sprang über zwei Kürbisse, und der dritte jagte einmal um Pippa herum.
„Nicht hinterher!“, rief Pippa.
Moxie hörte natürlich nicht auf sie. Die Katze raste zum alten Apfelbaum und kletterte so schnell den Stamm hinauf, dass Pippa nur noch einen schwarzen Schwanz zwischen den Blättern verschwinden sah. Auf einem hohen Ast blieb Moxie sitzen und blickte empört auf das Durcheinander hinunter.
„Das kann ich erklären“, sagte Pippa und legte den Kopf in den Nacken.
Moxies Schwanz schlug gegen den Ast.
„Na gut. Noch nicht ganz.“
In diesem Moment öffnete sich hinter Pippa die Küchentür.
„Pippa?“
Mama trat auf die Terrasse. Sie trug noch ihre Schürze und hielt einen Holzlöffel in der Hand. Ein Kürbis flitzte an ihr vorbei. Mama sah ihm nach. Dann kam ein zweiter. Hinter ihm hüpften drei weitere über die unterste Treppenstufe.
Mama schwieg einen Moment und betrachtete das Durcheinander.
„Pippa“, fragte sie schließlich, „warum laufen unsere Kürbisse?“
Pippa schob den Zauberstab ein kleines Stück hinter ihren Rücken. „Das ist eine längere Geschichte.“
Mama sah in den Garten, in dem inzwischen überall orangefarbene Kürbisse herumwuselten. „Sie sieht eher nach ungefähr vierzig kleinen Geschichten aus.“
Pippa musste lachen, obwohl ihr eigentlich gar nicht danach war. Dann erzählte sie Mama, was passiert war – vom Vervielfältigungszauber, den Wurzelfüßen und schließlich auch von Moxies Schatten.
Als sie fertig war, nickte Mama langsam. „Frau Nachtfarn hat euch bestimmt gesagt, dass ihr den Zauber nur mit leblosen Dingen üben sollt.“
Jetzt erinnerte sich Pippa wieder sehr genau daran.
„Hat sie“, gab sie kleinlaut zu. „Ich dachte nur, ein Kürbis wäre leblos.“
Mama ging zu einem der orangefarbenen Ausreißer, der gerade versuchte, sich hinter einem Blumentopf zu verstecken, und strich über seinen Stiel.
„Ein gewöhnlicher vielleicht. Aber das hier sind Nachtkürbisse. In ihren Wurzeln steckt Pflanzenmagie. Du hast also nicht nur den Kürbis vervielfältigt, sondern auch die Magie darin.“
Hinter ihnen erklang erneut ein verräterisches Plopp.
Pippa drehte sich um und entdeckte zwei weitere Kürbisse im Gras. „Kannst du sie zurückzaubern?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Bestimmt.“
Pippa atmete erleichtert aus.
Mama hielt ihr den Holzlöffel hin.
Pippa sah erst den Löffel und dann Mama an. „Was soll ich damit?“
„Nichts. Den brauche ich nur gerade nicht mehr.“
Mama setzte sich auf die Gartentreppe und legte den Löffel neben sich.
Pippa kannte diesen Blick. Wenn sie gar nicht mehr weiterwusste, würde Mama ihr helfen. Aber offenbar fand Mama, dass dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen war.
Also setzte Pippa sich ins Gras.
Nachtkürbisse. Wurzeln. Pflanzenmagie. Irgendetwas daran kam ihr bekannt vor.
Dann erinnerte sie sich an einen Sommerabend, an dem Mama im Garten Mondlavendel geerntet hatte. Sein Duft, hatte Mama erklärt, konnte manche unruhigen magischen Pflanzen beruhigen.
Pippa sprang so plötzlich auf, dass ein Kürbis vor ihr erschrocken zur Seite hüpfte.
„Der Mondlavendel!“
Mama hob den Kopf. „Was ist damit?“
„Du hast gesagt, er macht unruhige Pflanzen schläfrig.“
„Manche Pflanzen“, erinnerte Mama sie.
Pippa sah zu den Nachtkürbissen. „Dann probiere ich aus, ob er bei denen auch funktioniert.“
Diesmal erschien ein kleines Lächeln auf Mamas Gesicht. „Das klingt nach einem Plan.“
Pippa lief zum Kräuterbeet. Zwischen Salbei und Silberminze wuchs der Mondlavendel, dessen blasse Blüten im Abendlicht schimmerten. Sie pflückte vorsichtig eine Handvoll und legte sie in eine große Schüssel.
Dann sah sie sich im Garten um. Das reichte niemals für alle Kürbisse. Sie musste den Duft irgendwie überall gleichzeitig verteilen.
Pippas Blick fiel auf ihren Zauberstab.
Wind konnte sie inzwischen ganz gut. Zumindest solange sie nicht selbst darauf flog.
„Sehr witzig“, murmelte sie, obwohl der Dunkelwald selbstverständlich nichts dafür konnte.
Sie stellte die Schüssel mitten auf den Gartenweg, kniete sich davor und hielt den Zauberstab über die Blüten.
„Wind, ganz sanft und nicht zu wild,
trag den Duft durch Beet und Bild.“
Zunächst bewegten sich nur ein paar Lavendelblüten. Dann hob ein warmer Luftzug sie an und trug ihren süßen, würzigen Duft zwischen die Beete.
Pippa führte den Zauberstab langsam im Kreis.
Der erste Kürbis blieb stehen. Er schwankte auf seinen Wurzelfüßen und setzte sich mitten auf den Weg. Ein zweiter ließ sich ins Blumenbeet plumpsen. Der kleine Kürbis auf der Treppe gähnte so ausgiebig, dass sein Stiel dabei wackelte.
Nach und nach wurde es ruhiger im Garten. Zwei Nachtkürbisse lehnten sich aneinander. Einer rollte sich unter der Bank zusammen, und der letzte versuchte noch, zum Gartentor zu gelangen. Nach drei sehr entschlossenen Schritten blieb er stehen, schwankte kurz und kippte mit einem weichen Poff ins Gras.
Pippa ließ den Zauberstab sinken. Überall im Garten schliefen Kürbisse.
Mama kam zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Gar nicht schlecht.“
Pippa grinste zu ihr hoch. „Für jemanden mit ungefähr vierzig Problemen?“
Mama deutete mit dem Kinn zum Apfelbaum. „Einundvierzig.“
Ach ja. Moxie.
Pippa kletterte auf die unterste Astgabel. Die Katze saß noch immer weiter oben. Ihre zusätzlichen Schatten lagen inzwischen dicht nebeneinander auf dem Ast und wirkten ebenfalls ziemlich müde.
„Komm her“, murmelte Pippa und streckte beide Arme nach ihr aus. „Ich glaube, die verschwinden wieder, wenn der Zauber ganz zur Ruhe kommt.“
Moxie ließ sich schließlich hochheben. Als Pippa mit ihr wieder unten stand, wurden die zusätzlichen Schatten tatsächlich immer blasser. Bald lag nur noch ein einziger schwarzer Katzenschatten neben Moxies Pfoten.
Pippa strich ihr erleichtert über den Rücken. „Siehst du? Alles wieder normal.“
Moxie setzte sich hin und begann, sehr gründlich ihre Vorderpfote zu putzen.
„Du bist jetzt einfach beleidigt, oder?“
Die Katze drehte den Kopf weg.
Pippa seufzte. „Das dachte ich mir.“
Als es dunkel wurde, kamen die ersten Gäste.
Mama hatte kurz überlegt, die schlafenden Nachtkürbisse wegzuräumen, aber Pippa fand, dass das eine Verschwendung wäre. Stattdessen zauberte sie in jeden Kürbis ein kleines goldenes Licht.
Nun lagen sie zwischen Blumen und Farnen, auf der Treppe, unter der Bank und entlang des Gartenwegs. Ihr warmes Leuchten ließ den ganzen Garten aussehen, als hätten sich kleine Lichter zwischen den Pflanzen zum Schlafen gelegt.
Pippa hatte inzwischen ihren schwarzen Hexenumhang angezogen. Als Carola durch das Gartentor kam, blieb sie stehen und sah sich staunend um.
„Wow. Wie habt ihr das gemacht?“
Pippa warf Mama einen Blick zu. Mama hob nur ihre Teetasse und wartete.
„Es war ziemlich aufwendig“, erklärte Pippa schließlich.
Carola musterte sie neugierig. „Was heißt ziemlich aufwendig?“
Bevor Pippa antworten konnte, raschelte es unter dem Johannisbeerstrauch.
Ein kleiner Nachtkürbis öffnete ein Auge.
Pippa sah ihn an. Der Kürbis blinzelte. Dann schloss er das Auge wieder und tat, als wäre überhaupt nichts gewesen.
Pippas Hand wanderte vorsichtshalber zu ihrem Zauberstab.
Halloween hatte schließlich gerade erst angefangen.
Almas Kindergeschichten · Die kleine Hexe Pippa · Websitefassung September 2026